591
592
Jean Paul Friedrich Richter
Heiken - der ganze gestirnte Jdeenhimmel, derden Menschen bestrali und zieht und hält. —Wenn ich nun aber einmal alt bin und immatten Sterben, wird mir nicht Alles anders,ergrauet und starr erscheinen, was jetzo so le-bendig und blühend vor mir rauscht?— Denngerade wenn der Mensch nahe an hem Himmelist, in welchen er so lange geschaut, da hältder Tod den matten Augen das Sternrohr ver-kehrt vor, und läßt sie in einen leeren fernernausgelöschten blicken. Aber ist dieß denn rechtund wahr? Ergreifen meine blühenden odermeine welkenden Kräfte richtiger und fester dieWelt? Werd' ich künftig mehr Recht haben,wenn ich nur mit halbem Leben empfinde unddenke und hoffe, jedes scharfen Blicks und hei-ßen Gefühls unfähig , oder hab' ich jetzo mehrRecht, wo mein ganzes Herz warm ist, meinganzer Kopf heiter und alle Kräfte frisch? —
Daß ich jetzo mehr Recht habe, erkenn' ich,und gerade wieder dieß erkenn' ich jetzo am ge-wissesten. So will ich diese herrliche Tagzeitder Wahrheit recht aufmerkend durchleben undsie hinübertragen in die dunkle Abendzeit, damitsie mein Ende erleuchte."
In den schönsten Maistunden, wo Himmelund Erde und sein Herz zu einem vollen Drei-klang zusammenschlugen, gab er daher den feu-rigen Gefühlen feurige Worte, um sie schrift-lich festzuhalten und aufzubewahren unter derAufschrift: Erinnerungen aus den schönstenStunden für die letzten. Mit diesen Aussichtenseines seligsten Lebens wollt' er sich einmal aufdem letzten Lager erquicken und in das Jugend-srührolh aus dem Spälrolh hinübersehen. Ernahm sich vor, diese Erinnerungen — die unsder Verfolg der Geschichte geben wird, undwelche so ansingen: „Denke daran in der dun-keln Stunde, daß der Glanz des Weltenall einstdeine Brust erfüllte" - mir neuen Maistundcnzu verlängern; denn man weiß nicht, welchenlangen Trost man zuletzt nöthig hat.
So wohnten die drei Menschen, sich immerinniger aneinander erfreuend, in ihrem warmenGlücke, als endlich die Streitwagen und dieSiegwagen des heiliger, Kriegs ansingen überdie Erde zu rollen. Jetzo wurde aus Goltreichein verwandelter Mensch; gleichsam ein jungerZugvogel, welcher, obwol mit heißen Ländernunbekannt, sich sehnsüchtig abarbeitet in seinem 50warmen Gefängniß, weil er den ältern Zugvö-geln nachzufliegen angetrieben ist Die thätigenKräfte in seiner Natur, die bisher nur still sei-nen poetisch-rednerischen halten zuhören müssen,standen auf, und es war ihm, als suchten dieFlammen der Begeisterung, die bisher, wie dieaus einem Naphlaboden, vergeblich in die leereLuft gestiegen, einen Gegenstand zum Ergrei-fen. Nur wagte er nicht, dem Vater die Tren-nung vorzutragen, sondern er quälte und labtesich bloß innerlich mit der Vorstellung seinesMitziehens und Milkampfens. Allein seinerJusta vertraute er den Wunsch, aber ohne. ihnvon ihr gebilligt zu hören, weil sie die Einsam-keit des Vaters zu hart fand.
Sie haue indeß nicht auch die ihrige mitgemeint. Denn als er einst in einer Predigtfür das deutsche Vaterland die glücklich geprie-sen, welche in die Stürme ziehen durften, wo-
mit sich die Völker einigen und befestigen — alser die Niedrigen hoch gestellt, welche auf demSchlachtfelds sich neben ihren Fürsten Thronenbauen durch ihre Gräber — und als er die2 Heerführer in ihrem weit strahlenden Glänzegezeigt, womit sie den Herren vorragen undvorleuchten, um vielleicht tausend frohe Tageihrer Zukunft für eine Wunde hinzugeben, auswelcher für ganze Länder Lebenswasser fließt —10 und als er jeden, welcher könne und dürfe,angefeuert, in den heiligen Kreis zu treten,den Höchste und Niedrigste, und Reichste undGelehrte und Alte, sogar Frauen mit verknüpf-ten Händen, obwol oft durchstochen, gegen das15 Eindringen unterirdischer böser Mächte schließen:da wurde in Justa's Seele ein Entschluß ge-gründet, der sie über die Liebe hinweg undhinauf trieb zur Laterlandliebe, nämlich derEntschluß, verkleidet ihr Leben auch zu wagen20 und zu krönen, und gleichsam ihren Geliebtenzu vertreten oder zu ersparen.
Aber einem Menschen mußte sie durchausihre Kühnheit und Entfernung anvertrauen,nicht dem Geliebten — welcher nie in eine Stell-25 Vertretung eingewilligt hätte, die er selber über-nehmen wollen — sondern dem Vater Hartmann,dessen Feuer sich nicht von der Asche des Alterserdrücken ließ, und dem das Kühne für guteZwecke gewöhnlich das Rechte war. Begeistert,30 wie Sohn und Braut für Krieg, versagte erdoch sein Ja; Gotlreich hingegen, sagte er, mögehinziehen, der es schon lange gewollt, nur ausLiebe ihn geschont; aber er hoffe schon mit Got-tes Hülfe auf ein Jahr sei» Predigtamt ver-35 sehen zu können; — und so thu' er selber dochauch noch etwas für das Vaterland.
Als er hierauf seinen Sohn mit dieser Er-laubniß , in den Krieg zu ziehen, überraschte,und auf einmal über allen Haus- und Kirchen-4« frieden empor hob - als Gottrcich hörte, wel-ches Herz seine Justa trug, und wir ähnlichdem seinigen - als diese gleichsam ihre ge-wünschte Aufopferung nachgiebig wieder auf-opferte und sich mit dem Loose begnügte, die45 Pflegerin des arbeitenden Greises zu werden, undstall bloß ihrer selber den Geliebten in denGefahren zu sehen: so vereinigte wol nie Eineschöne Stunde so viele schöne und verschiedeneFreuden und Menschen zugleich.
Gotlreich zog fort, im Vertrauen auf denHerbstflor von Kräften in seines Vaters Leben.Er wurde gemeiner Krieger, und , wo er konnte,Prediger zugleich. Eine neue Laufbahn er-neuert zugleich die Kräfte und jeder bezeichnet55 sie mit grösser,. Schritten. Thaten waren bis-her dem zu Reden verpflichteten Jüngling ver-sagt; desto kecker und eifriger, ja unbesonnenersuchte er die fruchtbaren Stellen dazu auf.Aber obgleich das Schicksal die Wunde verwei-60 gerte, die er so gern in den künftigen Friedenseines Standes, gleichsam als einen Brennpunktder schönen heißen Jugcndtage, mitgebrachthätte: so war es doch Glück genug, an denKämpfen und Kämpfern Theil nehmen zu kön-65 neu, und, gleichsam wie ein alter Republikaner,mit einem ganzen Volke für gemeinschaftlicheZwecke mitzustreiten, indeß sonst der jetzige Bür-ger nur einsam ohne Gesellschaft für das Va-terland fühlt und opfert.