Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
597-598
JPEG-Download
 

597

598

Jean Paul Friedrich Richter.

beides mit dir getheilt. Seine milde und hoheGestalt blicke dich an im letzte» Dunkel undzeige dir deinen und seinen Baker!"

Ein sanftes Donnern wandelte jetzo über diedämmernden lichter» Wetterwolken, und die 5Abendsonne füllte allmählich das Gewölbe mitschönerem Feuer.

„Denke daran in der letzten Stunde, wie ^das Herz des Menschen lieben kann — denkean die heiligen Zeiten der Liebe, worin der 10Mensch der Thräne das Auge nachsenden will,dem Auge das Herz und das Leben, um nurden geliebten Wesen so viel Seligkeit zu öpsern,als er empfängt. Kannst du vergessen die Liebe,worin Ein Herz Millionen Herze» ersetzt und 15die Seele ein Leben lang sich von Einer Seelenährt und belebt, wie die hundertjährige Eichedieselbe Stelle mit ihren Wurzeln festhält undaus ihr hundert Frühlinge und Blüthen hin-durch neue Kräfte und Blüthen saugt".20

„Meinst du mich auch?" sagte der Vater.

— „Ja, auch ich denke an meine Mutter,"sagte der Sohn. Justa zerschmolz in ihrenThränen, weil sie hörte, wie der Geliebte mitihren eignen Lagen der Liebe sich in seinen letz- 25ten Stunden erfreuen wollte; und der Vatersagte leise, an seine Gattin denkend: „Wieder-sehen, wiedersehen."

„So denke daran, fuhr Gottrcich fort, inden letzten Stunden an die jugendlichen Zeiten, 30wo das Leben schön und groß gewesen — wodu freudig im Frühling geweint — wo du em-porgehoben gebetet, und wo dir Gott erschienen— wo du das erste und letzte Herz der Liebegefunden — und schließe froh das Auge zul" 35

Plötzlich zerspaltete sich das Gewitter in zweihohe schwarze Berge und die riefe Sonne sahdazwischen, wie aus einem Thale zwischen Fel-senwänden , liebreich mit ihrem freudenglänzen-den Mutterauge die Erde wieder an. Da sagte 40der ersterbende Greis: „welche Blitze!"

„Es ist nur die Abendsonne, mein Vater!"

— „Ja, ich sehe sie wieder und noch heute,"fuhr der Vater fort, meinte aber die lang ent-schlafne Gattin. Jetzo war der Sohn vor 45Bewegung nicht vermögend, die Seligkeit des

irdischen Wiedersehens, die er heute unterwegsvorausgenoffen und beschrieben, dem Vater aus-zumalen und es ihm zu sagen, wie das Wieder-sehen die Liebe auf höherer Stufe neu anfange,und wie, indeß das erste Sehen nur in eineZukunft verschwamm, der Wiederblick in dieBlüten der Zukunft die Früchte der Vergangen-, heit in Einem Strauß zusammen bindet. Aberwie hätte er die Reize des irdischen Wiedersehensdem Sterbenden zeigen können, welcher schonin den Glanz des überirdischen zu schauen anfing?

Erschrocken fragte er: „Vater wie ist dir?"— „Ich denke daran in der dunkeln Stunde —ja daran und daran — und das Sterben istauch schön und das Abscheiden in Christo,"murmelte für sich der Greis und griff nachGottreichs Hand, doch ohne sie zu drücken, dennes war nur das gewöhnliche Flockcnlesen derScheidenden. Er glaubte immer den Sohn nochreden zu hören, und sagte immer verklärterund entzückter: „o du, mein allgütiger Gott!"Denn die Nebensonnen des Lebens waren vorihm ausgelöscht und nur die Sonne stand nochin seiner Seele, Gott.

Auf einmal erhob er sich und breitete mitKraft die Arme aus und rief: „Dort stehen diedrei schönen Regenbogen über der Abendsonne:ich muß der Sonne nach und auch mir hindurchgehen!" — Da sank er zurück und war vor-über und hinüber. Erst jetzo ging die Sonneunter und schimmerte noch im Sinken in einemweiten Regenbogen im Morgen. —

„Er ist doch, sagte Gottreich mit stockenderStimme zu Justa, unter lauter große» from-men Freuden von uns zu seinem Gott gegan-gen, utid weine also nicht zu sehr, Justa!"Aber nun entstürzten ihm selber alle bisher'fest-gehaltenen Thränen in Strömen, und er drücktedie Hände des Todten auf seine heißen Augen.Es wurde dunkel, und ein warmer Regen träu-felte leise auf die dämmernde Erde. Beide Lie-bende verließen die stille Gestalt und weintensanfter ihrer eigenen Sonne, dem Vater nach,der aus den Gewitterwolken des Lebens mitfreundlichem Glänzen zu einem andern Morgengezogen war.

August Wilhelm von Schlegel.

I. Theater und Schauspielkunst -er Griechen — Wesen der griechischen Tragödie.

Bei der Benennung Theater denkt manKch natürlich das, was bei uns diesen Namenführt, und doch kann nichts in seinem ganzen 65Bau verschiedener von unserm Theater sein alsdas griechische; und wenn man bei Lesung dergriechischen Stücke unsere Scene i» Gedankeni>at, und sie darauf überträgt, so muß »>a» sie

schon deßwegen in einem ganz falschen Lichtebetrachten.

Die mathematisch genaue Hauptstelle da-rüber befindet sich heim Litruvius, der auch diewichtigen Unterschiede des griechischen und rö-mischen Theaters bestimmt angibt. Aber freilichsind diese und andre Angaben bei den alten