599
August Wilhelm von Schlegel.
000
Schriftstellern von Architekten, welche die al- Griechen lebten, wie wir es noch heutzutage
ken Dramatiker nicht kannten, verkehrt ausgelegt an andern südlichen Völkern sehen, weit mehrworden und wiederum sind die Philologen, in freyer Luft als wir, und verrichteten daherwelche von Architektur nichts wußten, in große manches auf offenen Plätzen, was bei uns inIrrthümer gerathen. Es fehlt den alten Dra- 5 den Häusern zu geschehen pflegt. Dann stelltematikern daher noch gänzlich an der Art von ja das Theater nicht eben die Straße, sondern
Auslegung, welche die scenische Anordnung be- einen noch zu dem Hause gehörige» Vorplatz
trifft. Bei manchen Tragödien glaube ich da- vor, auf welchem auch der Altar stand, wo-
rüber ziemlich im klaren zu seyn, andre bieten rauf den Schutzgöttern geopfert ward. Hier durf-nichc leicht aufzulösende Schwierigkeiten dar. 10 ten also allerdings die bei den Griechen so ein-Am schwersten fällt es aber, sich die Aufführung gezogen lebenden Frauen , selbst die unverhei-der Stücke des Aristophanes anschaulich vorzu- ratheten erscheinen. Auch war es ihnen nichtstellen: der sinnreiche Dichter wird seine seit- unmöglich, dem Zuschauir eine Aussicht in dassamen Erfindungen auf eine eben so gewagte Innere der Häuser zu eröffnen: dies geschah,
und überraschende Art vor die Augen der Zu- 15 wie wir sogleich sehen werden, durch das E»cy-schauer gebracht haben. Selbst Barthclemy's klema.
Beschreibung der griechischen Bühne ist ziemlich Was aber die Hauptsache ist, so gehörte die
verworren, und der hinzugefügte Grundriß be- Oeffentlichkeit nach dem republikanischen Sinne
lrächtlich unrichtig; wo er die Aufführung der der Griechen mit zum Wesen einer ernsten und
Stücke angeben will, wie bei der Antigone und 20 wichtigen Handlung. Dies bedeutete die Gegen-den: Ajax, gerieth er vollends auf Irrwege. wart des Chores, dessen Anwesenheit bei man-
Um so weniger wird das folgende überflüssig chem, was als Geheimniß verhandelt wird, man
scheinen.ebenfalls nach dort ungültigen SchicklichkeitenDie Theater der Griechen waren oben ganz beurtheilt und getadelt hat.offen, ihre Schauspiele wurden immer am hellen 25 Die Theater der Alten waren, im VergleichLage und unter freiem Himmel aufgeführt. Bei mit der Kleinheit der unsrigen, nach einem ko-
den Römern hat man späterhin wohl die Zu- loffalen Maßstabe entworfen, theils um das ge-schälter mit überspannten Decken vor der Sonne sammle Volk nebst den zu den Festen herbei-
geschützt, schwerlich ist bei den Griechen der Lu- strömenden Fremden fassen zu können; theils
xus je so weit getrieben worden- Uns scheint 30 paßte sich dieß auch zu der Majestät der dortjene Einrichtung sehr unbequem: allein die Grie- aufzuführenden Schauspiele, denen nur in einer
chen waren ein gar nicht weichlich gewöhntes ehrerbietigen Ferne zugesehen werden durfte.
Volk, alsdann dürfen wir auch das schöne Klima Die Sitze der Zuschauer bestanden in Stufen,
nicht vergessen. Wenn Ungcwitter oder Platz- welche sich um den Halbzirkel der Orchestra
regen einfiel, so wurde das Schauspiel untcrbro- 35 swas wir Parterre nennen) rückwärts hinauf'chen, sonst ließen sie sich viel lieber ein zufälli- erhoben, so daß fast alle gleich bequem sehen
ges Ungemach gefallen , als daß durch Einsver- konnten. Durch künstliche Verstärkung des Dar-
rung in ein dumpfiges Haus die ganze Heiter- gestellten für Gesicht und Gehör, welche in den
keil eines religiösen Volksfestes, dergleichen ja Masken und darin angebrachten Vcrstärkungs-
die Schauspiele waren, hätte zerstört werden 40 Mitteln der Stimme, und in der Erhöhung dersollen.2) Die Scene selbst zu schließen und Figuren vermittelst des Kothurns bestanden,
Götter und Heroen in dunkle mühsam crleuch- wurde der durch die Ferne verursachte Abgang
tete Kammern einzukerkern, würde ihnen noch ersetzt. Vitruv erwähnt auch im Gebäude ver-
widersprechender vorgekommen sein. Eine Hand- theilte Schallgefäße, worüber die Ausleger sehr
lung, welche die Verwandtschaft mit dem Him- 45 uneinig gewesen sind. Ueberhaupt darf manmel so herrlich beglaubigte, mußte auch unter annehmen, daß die Theater der Alten nach voc-
freiem Himmel, gleichsam unter den Augen der trefflichen artistischen Grundsätzen gebaut waren.
Götter, vorgeht,, für die ja, wie Sencca sagt, Die unterste Stufe des Amphitheaters war
der Anblick eines tapfern, mit Leiden ringenden noch beträchtlich über die Orchestra erhoben,
Mannes ein würdiges Schauspiel ist. Mit dem 50 und in gleicher Höhe lag ihm die Bühne gegen-vermeintlichen großen Ungemach, welches nach über. Der vertiefte Halbkreis der Orchestra
der Behauptung mancher neuern Kritiker hier- blieb von Zuschauern leer, und halte eine an-
aus für die Dichter erwuchs, daß sie genöthigt dere Bestimmung. Bey den Römern war es
waren, den Schauplatz ihrer Stücke immer vor freilich anders, allein auf ihre theatralische Ein-
die Häuser hinaus zu verlegen, und deshalb 55 richtung ncinnen wir hier keine Rücksicht,manche Unschicklichkeiten zu begehen, hat es, in Die Bühne bestand aus einem Streif, der
Absicht auf die Tragödie und ältere Komödie sich von einem Ende des Baues bis zum andern
wenigstens, nicht so viel auf sich. Denn die erstreckte, und gegen diese Breite nur wenig
t> Ein merkwürdiges Beispiel hievon ist das sogenannte antike Theater des Palladio z» Dinecnza. Freilich warHereulannm damals »och nicht aufgegraben, und die Ruinen der alte» Theater sind schwer zu verstehe», wen» »>ankein vollständiges gesehen hat.
2> Ich verdanke es zum Theil den Aufklärungen eines gelehrten Architekten, des Hrn. Gcnclli in Berlin, Ver-fassers der scharfsinnigen Briefe über den Vitruv. Wir haben verschiedene griechische Tragödien mit der so verstaudenen Beschreibung Vitruvs zusammengehalten, und ihre Aufführung in Gedanken darnach versucht; auch fand "es nachher durch den Anblick des Theaters zu Hcreulanui» und der beyden zwar äußerst kleine» zu Pompcii bcstättil '
3) Man wählte sorgfältig eine schöne Lage. DaS Theater zu Tauromenium, dem heutigen Taormin» in Stet'lic», wovon man noch die Ruinen sieht, war dergestalt angelegt, daß man über den Hintergrund der Scene dicrUrsich» auf den Aetna halte.