61t August Wilhelm von Schlegel. 612
Andre haben es in dem Gefühl der sittlichenBesserung gesucht, welche durch den Anblick dergehandhadtcn poetischen Gerechtigkeit, der Be-lohnung der Guten und der Bestrafung derBösen, in uns bewirkt werde. Allein derjenige,für den der Anblick solcher abschreckenden Bey-spiele in der That heilsam wäre, würde dadurcheine niedrige von ächter Sittlichkeit weil ab-stehende Gesinnung in sich gewahr werden, undvielmehr Demüthigung als Erhebung des Ge-müths empfinden. Ueberdieß ist die poetischeGerechtigkeit gar nicht zum Wesen einer gutenTragödie unerläßlich; diese darf mit dem Leide»des Rechtschaffnen und dem Triumph des Laster-haften schließen, wenn nur durch das Bewußt-seyn und die Aussicht in die Zukunft das Gleich-gewicht hergestellt wird. Wenig gebessert istman, wenn man mit Aristoteles sagen will: dieTragödie habe den Zweck, durch Erregung vonMitleiden und Schrecken die Leidenschaften zureinigen. Fürs erste haben die Ausleger durch-aus nicht über den Sinn dieses Satzes einigwerden können, und zu den gezwungensten Er-klärungen ihre Zuflucht genommen. Man sehedarüber Lcssings Dramaturgie. Lessing bringteine neue Erklärung vor, und meynt in Ari-stoteles einen poetischen Euklidcs zu finden. Alleinmathematische Demonstrationen sind keinemMißverständniß unterworfen, und der Begriffgeometrischer Evidenz dürfte wohl auf die Theo-rie der schönen Künste gar nicht anwendbarseyn. Gesetzt aber auch, die Tragödie bewirktediese moralische Heilcur in uns, so thut sie esdurch schmerzliche Empfindungen, Schrecken undMitleid, und es wäre also noch immer nichterklärt, wie wir jepe Wirkung sogleich mitWohlgefallen spüren sollten.
Noch Andre haben sich begnügt zu sagen,was uns zu tragischen Darstellungen hinzieht,sey das Bedürfniß heftiger Erschütterungen, umuns aus der Dumpfheit des alltäglichen Lebenszu reißen. Dieß Bedürfniß ist vorhanden, ichhabe eS anerkannt, als ich vom Reiz des Schau-spiels überhaupt redete; es hat den Lhierge-fcchten, bey den Römern sogar den Fechter-spielen ihren Ursprung gegeben. Aber solltenwir, weniger verhärtet, und zu zarteren Rüh-rungen geneigt, Halbgötter und Helden in dieblutige Arena der tragischen Bühne hcrabsteigenzu sehen verlangen, wie verworfene Gladiatoren,nur um unsre Nerven durch den Anblick ihrerLeiden zu erschüttern? Nein, es ist nicht derAnblick des Leidens, was den Reiz eines Trauer-spiels ausmacht, oder der Spiele des Circus,oder selbst der Thiergefcchte. In diesen siehtman Gewandtheit, Stärke und Muth sich ent-wickeln, lauter Eigenschaften, die geistigen undsittlichen Fertigkeiten des Menschen verwandtsind. Was in einem schönen Trauerspiel ausunsrer Theilnahme an den dargestelltem gewalt-samen Lagen und zerreißenden Leiden eine ge-wisse Befriedigung hervorgehen läßt, ist entwe-der das Gefühl der Würde der menschlichenNatur, durch große Vorbilder geweckt, oder dieSpur einer höheren Ordnung der Dinge, demscheinbar unregelmäßige» Gange der Begeben-heiten eingedrückt, und geheimnißvoll darinoffenbart, oder beydes zusammen.
Die wahre Ursache also, warum die tragische
Darstellung auch das Herbcste nicht scheuen darf,ist: daß eine geistige und unsichtbare Kraft nurdurch den Widerstand gemessen werden kann,welchen sie in einer äußerlichen und sinnlich zu5 ermessenden Gewalt leistet. Die sittliche Frey-heit des Menschen kann sich daher nur iin Wi-derstreit mir den sinnlichen Trieben offenbaren:so lange keine höhere Anfoderung an sie ergeht,diesen entgegen zu handeln, schlummert sieent-10 weder wirklich i» ihm, oder sie scheint doch zuschlummern, indem er seine Stelle auch alsbloßes Raturwcsen gehörig ausfüllen kann. Nurim Kampf bewährt sich das Sittliche, und wenndenn der tragische Zweck einmal als eine Lehre15 vorgestellt werden soll, so sey es diese: daß,um die Ansprüche des Gemüths auf innereGöttlichkeit zu behaupten, das irdische Daseynfür nichts zu achten sey; daß alle Leiden dafürerduldet, alle Schwierigkeiten überwunden wer-2» den müssen.
Ueber alles, was diesen Punkt betrifft, darfich auf den Abschnitt vom Erhabenen inKants Kritik der Urtheilskraft verweisen, wel-chem, um ganz vortrefflich zu seyn, nichts fehlt,25 als eine bestimmtere Rücksicht auf die Tragödieder Alken, die diesem Philosophen aber nichtsonderlich bekannt gewesen zu sey» scheint.
Ich komme auf eine andre Eigenheit, weichtdie alte Tragödie von der unsrigen unterschei-30 det: den Chor. Wir müssen ihn begreifen alsden personisicirren Gedanken über die dargestellteHandlung, die verkörverte und mit in die Dar-stellung aufgenommene Theilnahme des Dichters,als des Sprechers der gesamten Menschheit-35 Dieß ist seine allgemeine poetisch gültige Be-deutung, welche uns hier allein angeht, undder es keinen Eintrag thut, daß der Chor eineörtliche Veranlassung in den Festlichkeiten desBacchus hatte, und bey den Griechen auch im-40 mer eine besondere nationale Bedeutung behielt.Nämlich, wie schon oben bemerkt worden, beyihrem republikanischen Geiste gehörte für sie zurVollständigkeit einer Handlung auch deren Öf-fentlichkeit- Da sie nun mit ihre» Dichtungen45 in das heroische Zeitalter zurückgingen, wo nochdie monarchische Verfassung galt, so republika-nisirtcn sie gcwissecmassen jene Heldenfamiliendadurch, daß sie bey ihren Verhandlungen ent-weder Aelteste aus dem Volk, oder andre P"'*50 fönen, die etwas ähnliches vorstellen konnten,gegenwärtig sey» ließen. Freylich war dieseOeffentlichkeil den Sitten des Hcldenaltcrs,wie wir sie aus dem Homer kennen lernen,nicht eben angemessen; allein die dramatische55 Poesie behandelte sowohl das Kostüm als d>oMythologie überhaupt mit selbständiger undselbstbewußter Freyheit.
Auf diese Art wurde nun die Einführungdes Chores, welche sich, da das Ganze den Seht»'00 der Wirklichkeit habe» sollte, den jedesmalige"Bedingungen der dargestellten Geschichte fug"'mußte, bewerkstelligt. Was er auch in de"einzelnen Stücke besonders seyn und thun mochte-so stellte er überhaupt und zuvörderst den n?s05 tionalen Gcmeingeist, dann die allgemein menscy'liche Theilnahme vor. Der Chor ist mit einenWorte der idcalisirtc Zuschauer. Er linderden Eindruck einer tief erschütternden oder "'irührenden Darstellung, indem er dem wirklich'