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Friedrich von Schlegel.
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Friedrich von Schlegel.
I. Einfluß der Literatur auf das
Wie wichtig die Literatur für den Werthund für die Wohlfahrt einer Nation sei, das istwohl unzweifelhaft, klar und leicht zu entschei-den; wir mögen nun auf die innere Naturderselben, oder aus ihre vielfältigen Folgen undibren großen Einfluß sehen.
Betrachten wir zuerst die Literatur selbstnach ihrem wahren Wesen, ihrem ganzen Um-fang und ihrer ursprüngliche» Bestimmung undWürde. Wir umfassen unter diesem Namenalle jene Künste und Wissenschaften, jene Dar-stellungen und Hervorbringungen, welche dasLeben und den Menschen selbst zum Gegenständehaben, aber ohne auf eine äußere That undmaterielle Wirkung auszugehen, bloß im Ge-danken und in der Sprache wirken, und ohneandern körperlichen Stoff in Wort und Schriftdem Geiste darstellen. Dahin gehört vor allendie Dichtkunst, und nebst ihr die erzählende unddarstellende Geschichte; das Nachdenken und diehöhere Erkenntniß, in so fern sie das Leben undden Menschen zum Gegenstände und auf beideEinfluß hat; Beredsamkeit und Witz endlich,wenn ihre Wirkungen nicht bloß im mündlichenGespräch flüchtig vorübereilen, sondern in Schriftund Darstellung dauernde Werke bilden. Dießalles umfaßt beinahe das ganze geistige Lebendes Menschen. Was gibt es überhaupt nächstdem Geiste selbst, der sich in ihr enthüllt, wohlGrößeres und dem Menschen als solchen mehrEigenes und ihn Unterscheidendes, als die Spra-che ? Die Natur konnte den Menschen keineschönere Gabe verleihen als die Stimme, diezu jedem Ausdruck des Gefühls im Gesängefähig, durch ihre Biegsamkeit zu den künstlich-sten Sonderungen und Verknüpfungen der man-nigfaltigsten Laute, den Stoff herleiht zu demkünstlichen Gebilde der Sprache. Von allemaber, was der menschliche Geist erfunden hat,ist die Schrift ohne Vergleich das Wunderbarsteund das Wichtigste. Die Gottheit selbst konntedem Menschen kein köstlicheres Geschenk ma-chen, als das Wort, welches sie verkündigt,die Menschen eint und verbindet. So unzer-trennlich ist Geist und Sprache, so wesentlichEins Gedanke und Wort, daß wir, so gewißwir den Gedanken als das eigenthümliche Vor-recht des Menschen betrachten, auch das Wortnach seiner innern Bedeutung und Würde alsdas ursprüngliche Wesen des Menschen nennenkönnten. Denn der Mensch wird eben darumGott ähnlich geachtet und in den heiligen Schrif-ten ein Ebenbild des dreieinigen Schöpfers ge-nannt, weil er mit einer Seele begabt ist, ausderen Tiefe und in deren Spiegel der Geist sichzum befruchtenden Worte des Lebens gestaltet.
Wenn wir jedoch in der näheren Anwen-dung Gehalt und Ausdruck, Gedanken und
Leben und den Werth der Nationen.
Wort noch allerdings unterscheiden, und unter-scheiden müssen; so findet dieß doch selbst in sol-chen abgeleiteten Verhältnissen beider nur da15 Statt, wo entweder beide oder wenigstens dasEine dieser beiden Elemente nicht mehr ihreBestimmung erfüllen. Gedanke und Wort, sowie sie ursprünglich Eins sind, dürfen selbst inihrer mannigfaltigsten Anwendung nie ganz ge-20 trennt werde», müssen immer und überall mög-lichst vereint und übereinstimmend bleiben.
Wie sehr nun auch diese beiden hohen Ga-ben, die eigentlich nur Eine sind, dieser höchsteVorzug des Menschen, der ihn erst zum Men-25 schen macht, der Gedanke und die Rede oft miß-braucht werden mögen; das tief eingeprägteGefühl von der ursprünglichen Würde derSprache und der Rede zeigt sich selbst durchdie Wichtigkeit, welche wir ihnen in unsern3V gewöhnlichsten Urtheilen einräumen. WelchenEinfluß die Kunst der Rede im gewöhnlichenLeben, in den bürgerlichen und gesellschaftlichenVerhältnissen aus unser Urtheil, welche Gewaltdie Kraft des Ausdrucks über unsere Gedanken35 ausübt, ist überflüssig auseinander zu setzen.Eben so wie über die Einzelnen lassen wir unsauch in unserm Urtheil über die Nationen durcheben diese Rücksicht bestimmen, und sind gleichgeneigt, diejenige Nation für die geistvollste und40 gebildetste anzuerkennen, welche sich am meistenklar und dem Zweck angemessen, bestimmt undangenehm ausdrückt, so daß wir hier sogarüber den Vorzug, den wir der äußern Formund dem Ausdruck geben, nur zu oft die Rück-45 ficht auf den innern Gehalt des Gedankens unddes Charakterwerthes hintansetzen. Nicht bloßüber die Einzelnen und die Nationen, die unszunächst umgeben, und mit denen wir selbst le-ben, urtheilen wir so, auch auf andere weit50 von unserm Kreis entlegene, wird derselbe Maß-stab angewandt. Nehmen wir z. B. jene Völ-ker, die wir, weil wir sie wenig kennen, unterdem allgemeinen Namen der Wilden zusammenzu fassen gewohnt sind. Sobald der reisende55 Beobachter ihre Sprache versteht, pflege sichauch das ungünstige vorgefaßte Urtheil über siesehr wesentlich zu verändern. „Wilde, heißtes dann meistens, Wilde sind es freilich unbe-kannt mit unsern Künsten und unsern Verfei-60 nerungen, so wie mit den Übeln sittlichen Fol-gen derselben; aber einen gesunden starken Ver-stand, einen oft bewundernswerthen natürlichenScharfsinn kann man ihnen nicht absprechen.Aeußerst treffend, und nicht selten witzig sind65 ihre kurzen Antworten, kraftvoll und vielsagendund von der anschaulichsten Klarheit und Be-stimmtheit ihre Reden." So ist man fast über-all und in allen Verhältnissen des Lebens oderder erweiterten Weltkunde, gewohnt und ge-