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August Wilhelm von Schlegel.
Hier überläßt sich der Dichter ganz den gewag-testen Flügeln seiner Phantasie, und seine Dar-stellung berührt kaum noch die Erde.
Sein Gemüth aber spricht sich am meistenin der Behandlung der religiösen Gegenständeaus. Die Liebe schildert er nur mir allgemei-nen Zügen, er redet ihre dichterische Kunstsprache.Die Religion ist seine eigentliche Liebe, dasHerz seines Herzens. Nur für sie erregt erdie erschütterndsten bis in die innerste Seeledringenden Rührungen. Bei bloß weltlichenBegebenheiten scheint er dies vielmehr nicht ge-wollt zu haben. Sie sind ihm, wie trübe sieauch an sich sein mögen, schon durch die reli-giöse Ansicht bis zur Klarheit aufgehellt. Die-ser Glückselige hat sich aus der labyrinthischenWildniß der Zweifel in die Burgsreiheil desGlaubens gerettet, von wo aus er die Stürmedes Weltlauss mit ungestörter Seelenruhe an-sieht und schildert; ihm ist das menschliche Da-sein kein düstres Räthsel mehr. Selbst seineThränen, wie die im Sonnenglanz blitzendenThautropfen an einer Blume, spiegeln den Him-mel in sich ab. Seine Poesie, was auch schein-bar ihr Gegenstand sein möge, ist ein uner-müdlicher Jubel-Hymnus auf die Herrlichkeitender Schöpfung, darum feiert er mit immerneuem freudigem Erstaunen die Erzeugnisse derNatur und der menschlichen Kunst, als erblickteer sie eben zum erstenmale in noch unabgenutz-ter Festpracht. Es ist Adams erstes Erwachen,gepaart mit einer Beredsamkeit und Gewandheitdes Ausdrucks, mit einer Durchdringung dergeheimsten Naturbeziehungen, wie nur hoheGeistesbildung und reise Beschaulichkeit sie ver-schaffen kann. Wenn er das Entfernteste, dasGrößte und Kleinste, Sterne und Blumen zu-sammenstellt, so ist der Sinn aller seiner Me-taphern der gegenseitige Zug der erschaffnenDinge zu einander wegen ihres gemeinschaftli-chen Ursprungs, und diese entzückende Harmo-nie und Eintracht des Weltalls ist ihm wiedernur ein Wiedersähe!» der ewigen alles umfassen-den Liebe.
Calderon blühte noch, als man sich in an-dern Ländern Europa's schon stark zu dem ma-nierirten Geschmack in den Künsten und zuden prosaischen Ansichten in der Literatur neigte,die im achtzehnten Jahrhundert so allgemeineinrissen. Er ist folglich als der letzte Gipfelder romantischen Poesie zu betrachten. Es istin seinen Werken alle Pracht derselben ver-schwendet, sowie man bei einem Feuerwerke diebuntesten Farben, die glänzendsten Lichter undwunderlichen Figuren der feurigen Springbrun-nen und Kreise für eine letzte Explosion aufzu-sparen pflegt.
Etwa ein Menschenalter nach dem Calderonwag das spanische Theater noch in demselbenSinne bearbeitet worden sein. Doch ist alles,was aus dieser Zeit angeführt wird, nur Nach-klang des Vorhergehenden, es ist nichts neues
noch wahrhaft eigenthümliches zum Vorscheingekommen, das nach dem Calderon genannt zuwerden verdiente. Späterhin läßt sich einegroße Unfruchtbarkeit spüren. Es sind einzelne5 Versuche gemacht worden, regelmäßige Trauer-spiele zu liefern, versteht sich, nach französischemZuschnitt. Sogar das deklamatorische Dramades Diderot hat Nachahmer gefunden. Ich er-innere mich, ein spanisches Schauspiel gelesen10 zu haben, dessen Zweck war, die Abschaffungder Tortur zu empfehlen. Welche Aufheiterungvon einem solchen Werke zu erwarten steht,läßt sich ermessen. Diejenigen Spanier, welchedem alten National-Geschmack abtrünnig ge-15 worden sind, machen viel Wesens von den pro-saischen und moralischen Dramen des Moralin ;allein wir finden keinen Grund in Spanien zusuchen, was wir zu Hause eben so gut, oderrichtiger gesprochen, eben so schlecht haben kön-20 nen. Die Mehrheit der Zuschauer hat sich vondiesen Einflüssen ziemlich frei gehalten; als voreiner Anzahl Jahre ein schöner Geist unter-nommen hatte', ein mit Recht bewundertesStück des Moreto (lil psrvoido an la uvrtv)25 nach den drei Einheilen umzuarbeiten, geriethdas Parterre zu Madrid darüber in einen sol-chen Aufruhr, daß die Schauspieler es aufkeine andere Weise zu besänftigeu wußten, alsindem sie das Stück in seiner ächten Gestalt30 auf den nächsten Tag ankündigten.
Wenn sich in einem Lande äußere Umstände,z. B. der Einfluß der Geistlichkeit, Censur-Zwang, selbst die eifersüchtige Wachsamkeit desVolkes auf die Beibehaltung der alten Sitten,35 der freien Einführung dessen widersetzten, wasin benachbarten Ländern für einen Fortschrittin der Geistesbildung gilt, so geschieht es oft,daß die besseren Köpfe nach den verbotenenFrüchten ungebührlich lüstern werden, und etwas10 verkehrtes erst dann recht zu bewundern anfan-gen, wenn es anderswo schon wieder aus derMode gekommen ist. Gewisse Geisteskrankheitensind so epidemisch in einem Zeitalter, daß eineNation niemals vor einem Anfalle davon sicher15 ist, bis man sie ihr inoculirt hat. Indessensind die Spanier, wie es scheint, in Absicht aufdie leidige Aufklärung des letzten Geschlechts mitden Windpocken abgekommen, während die ent-stellenden Blaltergruben in den Zügen anderer50 Rationen nicht zu verkennen sind. In ihreretwas insularischen Existenz haben sie das acht-zehnte Jahrhundert verschlafen, und wie konnteman im Grunde seine Zeit besser anwenden?Sollte die spanische Poesie im alten Europa55 oder in der andern Hemisphäre wieder aufwa-chen, so würde sie allerdings einen Schritt vomInstinkt zum Bewußtsein zu thun haben. Wassie bis jetzt aus angeborner Neigung geliebt,müßten die Spanier mit klarer Erkenntniß ver-00 ehren lernen, und, unbekümmert um die da-zwischen aufgekommene Kritik, aus Grundsatz iwGeist ihrer großen Dichter zu schaffen fortfahren.