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Friedrich von Schlegel.
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II. Apologie des Mittelalters.
Man schildert und denkt sich das Mittel-alter oft wie eine Lücke in der Geschichte desmenschlichen Geistes, wie einen leeren Raumzwischen der Bildung des Alterthums und derAufklärung der neuern Zeiten. Man läßt Kunst 10und Wissenschaft auf der einen Seite völlig un-tergehen, um sie dann nach einer langen tau-sendjährigen Nacht desto herrlicher mit einem-mahle wie aus Nichts emporsteigen zu lassen.Dieses ist aber in einer zwiefachen Rücksicht 15falsch, einseitig, und nicht richtig. Das We-sentliche von der Bildung und den Kenntnissendes Alterthums ist nie ganz untergegangen,und vieles von dem Besten und Edelsten, wasdie neuern Zeiten hervorgebracht haben, ist im 20Mittelaltcr und aus dem Geiste desselben ent-sprungen. Man könnte überhaupe den Zweifelauswerfen, ob die Zeiten, welche literarisch diereichste», darum auch immer moralisch die bestenund größten, politisch die glücklichsten sind. Wenn 25wir schon an den Gedanken gewöhnt sind, daßdie eigentliche glückliche Zeit der Römergrößeder ihrer spätern literarischen Ausbildung vor-anging, so sollte man ähnliche Betrachtungenauch bei der Geschichte des neuern Europa nicht 30ganz vergessen. Wenn man auf diese allgemei- 'nen und höhern Ideen vom Werth und derWürdigung der Zeitalter und Nationen aberauch keine Rücksicht nimmt, und bloß auf Gei-stesbildung und Literatur selbst den Blick be- 35schränkt, so muß auch dafür ein ganz andererStandpunkt gewählt werden, als der in jenergewöhnlichen Herabsetzung des Mittelalters herr-schende.
Betrachten wir die Literatur als den Jnbe- 40griff der ausgezeichnetesten und eigenthümlichstenHervorbringungen, worin der Geist eines Zeit-alters, der Charakter einer Nation sich aus-spricht; so ist eine kunstreich ausgebildete Lite-ratur gewiß einer der größten Vorzüge, den eine 45Nation erreichen kann- Wenn man aber vonallen Zeiten ohne Unterschied, eine und dieselbeArt von literarischer Ausbildung verlangt, undwo man diese nicht findet, gleich alles verwirft,so ist dieß nicht nur einseitig, sondern auch 50falsch und gegen den Gang der Natur. Ueber-all im Einzelnen wie im Ganzen, im Kleinenwie im Großen, muß die Fülle der Erfindungder ausgebildeten Kunst, die Sage der Geschichte,die Poesie der Kritik vorangehen. Hat die 55Literatur einer Nation keine solche poetischeVorzeit vor der Periode ihrer mehr geregeltenUnd kunstreichen Entwickelung, so wird sie nie-mals zu einem nationalen Gehalt und Charak-ter gelangen, noch einen eigenthümlichen Lebens- 60Seist athmen. Eine solche poetisch reiche, abernichts weniger als eigentlich literarisch oderWissenschaftlich gebildete Vorzeit hatte die Gei-stesbildung der Griechen in dem langen Zeit-saum von den trojanischen Abenthcucrn bis auf 65^olon und Perikles, und diesem Umstände ver-dankt sie hauptsächlich ihre hohe Bortrefflichkcit,chre Eigenthümlichkeit und ihren Reichthum,i-ine solche poetische Vorzeit für das neuere
Europa ist das Mittelalter, dem man eine schö-pferische Fülle der Fantasie gewiß nicht abspre-chen darf. Das stille langsame Wachsthum mußder Blüthe, die Blüthe der reifen Frucht vor-hergehen. So wie nun die Jugend auch fürden Einzelnen als Blüthezeit des Lebens er-scheint, so gibt es ähnliche Momente plötzlicherEntfaltung auch für ganze Nationen in derGeschichte des menschlichen Geistes und seinerHervorbringungen. Einem solchen allgemeinenFrühling der Poesie bei allen Nationen desAbendlandes ist das Zeitalter der Kreuzzüge,der Rittcrsitten, Rittergedichte und Minneliederzu vergleichen.
Die Literatur hat aber noch eine andereSeite als diese poetische, bei der man vorzüg-lich auf die Erfindung, auf Gefühl und Ein-bildungskraft sieht. Sie kann noch betrachtetwerden als das Organ der Ueberlieferung, wo-durch die Kenntnisse der Vorwelt auf die Nach-welt gebracht, und nicht nur erhalten, sonderndurch die natürlichen Fortschritte der Zeiten,erweitert und vervollkommnet werden. Jenerpoetische Theil der Literatur ist derjenige, wel-cher sich in den besondern Landessprachen desneuern Europa entwickelt hat; der andere aufdie Erhaltung der überlieferten Kenntnisse ge-richtete, bildet die lateinische, allen Rationendes Abendlandes gemeinsame Literatur desMit-lelalters. Auch in dieser Hinsicht ist der Gangder Sache, wenn man ihn genau betrachtet,wenn man in die Geschichte und in den Geistdes Mittelaltcrs eingeht, ein ganz anderer ge-wesen als er gewöhnlich dargestellt wird.
Wenn man freylich bloß auf die Poesie undauf die Entwickelung des Nationalgeistes in denLandessprachen sieht, so möchte man wohl wün-schen, daß eine solche lateinische Literatur garnicht vorhanden gewesen, daß die todte Spracheaußer Gebrauch gekommen wäre. Geschichteund Philosophie, besonders die letzte, wurdendadurch dem Leben entzogen. Ja es hat etwasan und für sich Barbarisches, und unsäglichviele nachrheilige Folgen, wenn Wissenschaft undGelehrsamkeit, Gesetzgebung und Sraatsgeschäftein einer ausländischen und vollends in einerabgestorbenen Sprache behandelt werden. Nochnachlheiligere Folgen hat es für die Dichtkunstgehabt; viele poetische Denkmahle der Deutschenund aller andern Völker des Abendlandes sinduntergegangen, weil gutmeinende Uebersetzer undsein wollende Erklärer sie ins Lateinische über-trugen, und in Prosa aufgelöst als fabelhafteGeschichte gaben, was ursprünglich wahre Poesieund Heldensage war. Viele poetische Talenteund Werke sind anderer Seits dadurch für dielebendige Wirkung auf Volk und Zeitalter ver-loren gegangen, daß die Verfasser ihre Dichter-kraft an dem vergeblichen Versuche verschwen-deten, in einer für sie doch schon todten Sprache,was in ihrer Einbildungskraft lebendig vorihnen stand, andern lebendig vor Augen stellenö" "En. Davon ließen sich viele Beispieleanfuhren, von jener guten Klosterfrau, der