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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
639-640
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Friedrich von Schlegel.

Roswitha, die das Lob und die Thaten ihresgroßen sächsischen Kaisers in einem lateinischenGedichte besang, welches, wenn es ein deutschesgewesen wäre, ein schätzbares .Denkmal derSprache, der lebendigen Geschichte, und gewiß üauch der Dichtkunst sein würde, bis zum Pe-trarka, welcher seinen Dichterruhm nicht so wohlauf die italiänischen Liebesgedichte, die ihn un-sterblich gemacht haben, zu gründen hoffte, unddie er nur als Tändeleien der Jugend, und 10eines nicht zu überwindenden Gefühls ansah,als vielmehr auf ein jetzt vergessenes lateinischesHeldengedicht vom Scipio; ja bis auf die vielenwahren Dichter, welche zum Nachtheil ihresRuhms noch später die lateinische Sprache er- 15wählten, und deren besonders Italien undDeutschland im löten und 16ten Jahrhundertso viele hervorgebracht hat.

Man darf aber bei diesen nachtheiligen Fol-gen, welche der allgemeine Gebrauch der latei- 20»ischen Sprache im Mittelalter gehabt hat,nicht vergessen, daß ehe die besondern Landes-sprachen sich entwickelt hatten, eine gemeinsameSprache für alle Völker des Abendlandes nichtbloß zum Kirchengebrauch, für Gelehrsamkeit 25und wissenschaftlichen Unterricht, sondern selbstfür die Scaatsgeschäfte ganz unentbehrlich war.

Es war dieß das unschätzbare Band, durch wel-ches die neue Welt und das Mittelalter mitder Vorwelt zusammenhing. Außerdem ward 50in allen romanisch redenden Ländern, die latei-nische gar nicht als eine fremde, oder ausge-storbene Sprache betrachtet, sondern nur alsdie alte, regelmäßiger bei den Gelehrten undGebildeten erhaltene, im Gegensatz der entar- 35leten und verwilderten Mundart des Volkes,der sogenannten Vulgarsprache. Erst im neun-ten und zehnten Jahrhundert hörte die latei-nische Sprache in diesen Ländern'auf, eine le-bende zu sein, weil nunmehr die Mundart des -40Volkes, das in jedem Lande sich eigen gestaltendeRomanze, sich so weil von dem Lateinischen ent-fernt hatte, daß es nicht bloß Abweichungenund Volksdialekte, sondern ganz andere Spra-chen waren. Der Uebergang ist jedoch so all- 45mählig geschehen, daß der entscheidende Zeitpunkt,sich eigentlich nicht ganz genau und scharf be-stimmen läßt. Um so natürlicher war die Täu-schung, vermöge deren man die lateinische Spra-che noch mehrere Jahrhunderte lang, nachdem 50sie wirklich schon ausgestorben, und eine todtegeworden war, für immer noch fortlebend hielt,wie denn auch in der That die Tradition deraltlateinischen Sprache und Aussprache beimKirchengebrauch, bei den Gelehrten und Geist- 5blichcn und in den Klöstern eigentlich stets fort-gehend erhalten, und nur allmählig altcrirt,niemals aber ganz und vollkommen mit einemMahle unterbrochen worden ist.

Die ganze Ueberlieferung und Erbschaft aller 60Kenntnisse und Begriffe der Vorwelt, wird mitRecht als ein Allgemeingut der gesammtenMenschheit betrachtet, was allen Zeitaltern undNationen anvertraut ist, was ihnen heilig seinsoll, und für dessen Erhaltung wir sie gewisser- 65maßen verantwortlich machen und Rechenschaftvon ihnen darüber fordern. Das Gefühl, wel-ches jede Unterbrechung und gewaltsame Stö-rung, wodurch dieses Band, das uns an die

Vorwelt knüpft, wirklich zerrissen, oder auchnur zerrissen zu werden bedroht wird, tadelt,sich dagegen empört, und jede solche Unterbre-chung als Barbarei verabscheut, ist ein durch-aus gerechtes und zu billigendes Gefühl. In-dessen sollte doch, streng genommen, nur dieabsichtliche Zerstörung, oder die ganz stumpf-sinnige Vernachläßigung der Denkmahle der Vor-welt barbarisch genannt, und nurim-Fall einergänzlichen Unterbrechung sollte einein ganzenZeitalter der Vorwurf der Barberey gemachtwerden. Eine solche vollkommne Unterbrechunghat aber eigentlich nie Statt gefunden; absicht-liche Zerstörung, wenn auch in der bildendenKunst häufiger, findet sich doch in der Literaturäußerst selten. Das einzige mir bekannte Bei--spiel einer absichtlichen Vernichtung ist jenes,wie in schon ziemlich späten Zeiten zu Konstan-tinopel einige damals noch vorhandene erotischeDichter der Griechen, wegen zu freier Sinn-lichkeit und Unsittlichkeit vertilgt worden seinsollen. Diese moralische Aengstlichkeit, wobeinicht nur die Freiheit, welche der Dichtkunstallenfalls vergönnt ist, sondern auch die nie zuverletzende Achtung, welche allen Denkmahle»der Sprache und der Vorwelt gebührt, ver-gessen ward, mag tadelnswerth erscheinen. Daßindessen die Sammler und Abschreiber des Mil-telalters, sowohl die byzantinischen, als die imAbcndlande, im Ganzen selbst in dieser Hinsichtnicht so übertrieben streng waren, beweist dieMenge der noch vorhandenen griechischen undlateinischen Dichter von ähnlichem Inhalt undähnlicher Beschaffenheit. Unglückliche Zufälleund die Bedürfnisse des Krieges haben von je-her den Denkmalen der Vorwelt und der Lite-ratur manchen empfindliche» Verlust gebracht;selbst in den neuern Zeilen und noch seit Er-findung der Buchdruckerei. Wie viel mehr vorderselben, und da Handschriften, kostbar und ingeringer Zahl, statt der häufig gedruckten Bü-cher dienten. Auch in den gebildetsten Zeitender Griechen und Römer, lange ehe die GothenRom, oder Araber Alexandrien besetzten, sindgroße Bibliotheken ein Raub der Flammen ge-worden, und damit Hunderte und Tausendevon Werken für immer zu Grunde gegangen/weil sie nicht weiter als in der einen Hand-schrift vorhanden waren. Wir beklagen unsüber den Verlust mancher wichtigen Schrift-steller und sind deßfalls oft leicht ungehaltenauf das Mittelalter. Gewiß aber ist der Un-tergang eines einzelnen Schriftstellers oder Gei-steswerkes, selbst durch Vernachläßigung verur-sacht, in der ganzen Periode, da noch die Werkenur auf jene Art erhalten und fortgepflanztwerden mußten, kein hinreichender Grund, e>nganzes Zeitalter der Barbarei zu beschuldigcn-Davon könnte uns die bekannte Erzählungüberzeugen, wie von den Werken des Aristote-les, für uns einem der wichtigsten Denkmahledes griechischen Geistes, bei den Alten selbst m>reine einzige Abschrift übrig geblieben, war, d>^vergessen und übel verwahrt, bloß durch eme>Zufall gefunden und noch gerettet ward. Dttftgeschah recht in der Mitte jener Zeit, die m>als die litcrarisch gebildete der Griechen u"°Römer anerkennen und zu verehren gewöhnsind. Und gesetzt auch, daß die geschieht»«