655 Friedrich Georg von Hardenverg. 656
Seitdem sollen, wie die Sage lautet, erst diemannichfaltigen Töne und die sonderbaren Spm-pathicen und Ordnungen in die Natur gekom-men sein, indem vorher alles wild, unordent-lich und feindselig gewesen ist. Seltsam istnur hierbei, daß zwar diese schönen Spurenzum Andenken der Gegenwart jener wohlthä-tigen Menschen geblieben find, aber entwederihre Kunst, oder jene zarte Gefühligkeit derNatur verloren gegangen ist. In jenen Zeitenhat es sich unter andern einmal zugetragen,daß einer jener sonderbaren Dichter oder mehrTvnkünftler — wiewohl die Musik und Poesiewohl ziemlich eins sein mögen, und vielleichteben so zusammen gehören, wie Mund undOhr, da der erste nur ein bewegliches undantwortendes Ohr ist — daß also dieser Ton-künstler übers Meer in ein fremdes Land rei-sen wollte. Er war reich an schönen Kleino-dien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dank-barkeit verehrt worden waren. Er fand einSchiff am Ufer, und die Leute darin schienenbereitwillig, ihn für den verheißenen Lohn nach derverlangten Gegend zu fahren. Der Glanz unddie Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber baldihre Habsucht so sehr, daß sie unter einanderverabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihnins Meer zu werfen, und nachher seine Habeunter einander zu vertheilen. Wie sie alsomitten im Meere waren, sielen sie über ihnher und sagten ihm, daß er sterben müsse, weilsie beschlossen hätten, ihn ins Meer zu werfen.Er bat sie auf die rührendste Weise um seinLeben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeldan, und prophezeite ihnen großes Unglück, wennsie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber we-der das eine, noch das andere konnte sie be-wegen; denn sie fürchtete» sich, daß er ihrebösliche That einmal verrathe» möchte. Daer sie nun einmal so fest entschlossen sah, bater sie, ihm wenigstens zu erlauben, daß ernoch vor seinem Ende seinen Schwanengesangspielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlich-ten hölzerne» Instrumente, vor ihren Lugenfreiwillig ins Meer springen. Sie wußten rechtwohl, daß wenn sie seinen Zaubergcsang hör-ten, ihre Herzen erweicht und sie von Reueergriffen werden würden; daher nahmen sie sich
vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren,während des Gesanges aber sich die Ohren festzu verstopfen, daß sie nichts davon vernähmen,und so bei ihrem Vorhaben bleiben könnten.5 Dies geschah. Der Sänger stimmte einen herr-lichen, unendlich rührenden Gesang an. Dasganze Schiff tönte mit, die Wellen klangen, dieSonne und die Gestirne erschienen zugleich amHimmel, und aus den grünen Flulhen tauchten10 tanzende Schaarcn von Fischen und Meerun-gcheuern hervor. Die Fischer standen feind-selig allein, mit festvcrstopften Ohren, undwarteten voll Ungeduld auf das Ende des Lie-des- Bald war es vorüber. Da sprang der15 Sänger mit heiterer Stirn in den d.unkeln Ab-grund hin, sein wunderlhätiges Werkzeug imArm. Er hatte aber kaum die glänzendenWogen berührt, so hob sich der breite Rückeneines dankbaren Unthicrs unter ihm hervor,20 und es schwamm schnell mit dem erstauntenSänger davon. Nach kurzer Zeit hatte es mitihm die Küste erreicht, nach der er hingewollthatte, und setzte ihn sanft im Schilfe nieder.Der Dichter sang seinem Retter ein frohes25 Lied, und ging dankbar von bannen. Nacheiniger Zeit ging er einmal am Ufer des Mee-res allein, und klagte in süßen Tönen überseine Verlornen Kleinode, die ihm, als Erinne-rungen glücklicher Stunden, und als Zeichen30 der Liebe und Dankbarkeit so werth gewesenwaren. Indem er so sang, kam plötzlich sei»alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht,und ließ aus seinem Rachen die geraubtenSchätze auf den Sand falle». Die Schiffer35 hatten, nach des Sängers Sprunge, sich so-gleich in seine Hinterlassenschaft zu theile» an-gefangen. Bei dieser Theilung war Streitunter ihnen entstanden, und hatte sich in einemmörderischen Kampf geendigt, der den meisten40 das Leben gekostet; die wenigen, die übrig ge-blieben, hatten allein das Schiff nicht regierenkönnen, und es war bald aus den Strand ge-rathen, wo es scheiterte und unterging. Sie brach-ten mit genauer Noth das Leben davon; und kamen45 mit leeren Händen und zerrissenen Kleidern ausLand; und so kehrten durch die Hülfe des dankbarenMccrlhiers, das die Schätze im Meere aufsuchte,dieselbe in die Hände ihres alten Besitzers zurück-
Ludwig TieS.
Las Saulicrfchloßb
„Nur nicht auf diese Art räsonnirti" riefder alte Freimund aus; „das Leben läßt sicheinmal nicht so betrachten und noch weniger»ach einigen Maximen einrichten. Hast du nicht 05die Fähigkeit, jeden einzelnen Fall recht als ei-nen einzelnen, aus seinen fernen und nächstenBedingnissen herausgestalteten, zu erwägen, ihnmit Geschicklichkeit nach seinen Umständen zu
lenken, und ihn so seiner Bestimmung entgcgt»zu schicken, so wirst du niemals ein brauchba-rer Geschäftsmann werden, ja auch als Prwaimmer nur an Zufälligkeit laboriren,, ohn-deines Lebens froh zu werden." ,
„Zufälligkeit, Zufälle!" antwortete >hSchwieger: „diese sind es ja eben, die »nallenthalben zu thun machen. Und volle,ioo-