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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
653-654
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653 Friedrich von

Literatur nur todte Formeln auf der Ober-fläche sich umhertrciben, die tiefere und leben-dige Philosophie aber entweder einer geheimenUeberlieferung oder einzelnen wahrhaft, oderbloß schwärmerisch Begeisterten aus dem Volke 5anheimfällt, das habe ich schon früher erwähnt.Aber so war es nun einmal zu jener Zeit improtestantischen Deutschland, und auch in Eng-land. Man nennt Jakob Böhme einen Schwär-mer. Wenn es aber auch gegründet sein sollte, 1«daß die Phantasie einen bei weitem größernAntheil an den Hervorbringungen seines Gei-stes hatte, als ein wissenschaftlich geübter Ver-stand, so muß man wenigstens gestehen, daßes eine sehp reich begabte und hoch erleuchtete 15Phantasie war, die wir in diesem sonderbarenGeiste gewahr werden. Wollte man ihn deß-falls bloß als einen Dichter betrachten uud mitandern christlichen Dichtern, welche übersinn-liche Gegenstände darzustellen versucht haben, 20mit Klopstock, Milton oder selbst mit Dantevergleichen, so wird man gestehen müssen, daßer sie an Fülle der Phantasie und Liefe desGefühls beinahe übertrifft, und selbst an ein-zelnen poetischen Schönheiten und in Rücksicht 25auf den oft sehr dichterischen Ausdruck ihnennicht nachsteht. Die Quellen der Natur sindjedem stillen und frommen Gemüthe zugäng-lich, weil ihre Adern dem innern Lebensstromder menschlichen Seele mit einverwebt sind; 30und dem kindlichen Auge ist vielleicht manchesschon ganz klar und durchsichtig, was für daskünstliche Fernrohr und die äußerlichen Sehan-stalren des gelehrten Untersuchers oft noch miteiner siebenfachen Decke und Wolke verhüllt ist. 35Es gibt auch für die Natur eine eigenthümlicheOffenbarung im unmittelbaren Gefühl ihresinnern Lebens; und wie unsere Zeit in der Er-

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kenntniß der göttlichen Dinge, nach langenMühsalen des irrenden Denkens, mehr undmehr wieder zu der einfachen Klarheit desGlaubens zurückgekehrt ist, so wird auch dieRaturwissenschafc gerade in unsern Lagen wie-der den Rückweg nehmen müssen zu jene» er-sten Quellen der innern Anschauung und einesnoch nicht verbildeten und gestörten, sondernnoch von Grund aus hellsehenden Nalursinns,als dem innern Born der Offenbarung fürjene Wissenschaft, welche zwar nicht den Schö-pfer, wohl aber die Herrlichkeit seiner Schö-pfung, die Menschen erkennen lehren soll. Ob-gleich nun dem christlichen Naturdcnker, wenner außerhalb der kathol. Kirche steht, mit sovielen erhöhenden Gnadenwirkungen der Seeleauch die letzte Klarheit des Geistes immer feh-len wird, so muß es doch wohl unterschiedenwerden, ob jene Absonderung aus der eignenGesinnung des Zwiespalts herstammt, oder nurdurch den unverschuldeten Zufall der Geburt,ohne selbst wettern Antheil an dem Geist desHaders zu nehmen, veranlaßt wurde. Wasman indessen auch in Rücksicht auf Philosophiemangelhaftes und irriges oder vielleicht nurunverständliches in den Lehren des Jakob Böhmezu bemerken glaubt, die Geschichte der deutsche»Sprache darf ihn nicht mit Stillschweigen über-gehen, denn in wenigen Schriftstellern hat sichnoch zu jener Zeit der ganze geistige Reich-thum derselben so offenbart, wie in diesem;eine bildsame Kraft, und aus der Quelle strö-mende Fülle, welche sich zur Zeit des dreißig-jährigen Kriegs zuletzt in dem Maaße kundgibt, und welche die Sprache in der jetzigenZeit künstlicher Ausbildung, äußerer Abglättungund Nachbildung fremder Kunst- und Sprach-gestalten nicht mehr besitzt.

Friedrich Georg von Hardeirberg.

A r i o n.

In alten Zeiten muß die ganze Natur le-bendiger und sinnvoller gewesen sein, als heutzu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die 55Thiere zu bemerken scheinen, und die Menschenallein noch empfinden und genießen, bewegtendamals leblose Körper; und so war es mög-lich, daß kunstreiche Menschen allein Dinge ver-richteten und Erscheinungen hervorbrachten, die 60uns jetzt völlig unglaublich und fabelhaft dün-ken. Sie sollen vor uralten Zeiten in denLändern des jetzigen griechischen Kaiserthums,wie uns Reisende berichten, die diese Sagennoch dort unter dem gemeinen Volke ang^ 65troffen haben, Dichter gewesen sein, die durchden seltsamen Klang wunderbarer Werkzeugedas geheime Leben der Wälder, die in denStämmen verborgenen Geister aufgeweckt, >n

wüsten, verödeten Gegenden den todten Pflan-zcnsaamen erregt, und blühende Gärten hervor-gerufen, grausame Thiere gezähmt und verwil-derte Menschen zu Ordnung und Sitte ge-wöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedensin ihnen rege gemacht, reißende Flüsse in mildeGewässer verwandelt, und selbst die todtestenSteine in regelmäßige, tanzende Bewegungenhingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahr-sager und Priester, Gesetzgeber und Aerzte ge-wesen sein, indem selbst die höher» Wesen durchihre zauberische Kunst herabgezogen wordensind, und sie in den Geheimnissen der Zukunftunterrichtet, das Ebenmaaß und die natürlicheEinrichtung aller Dinge, auch die innern Tu-genden und Heilkräfte der Zahlen, Gewächseund aller Kreaturen ihnen offenbart haben.