Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
659-660
JPEG-Download
 

659

660

Ludwig

auch behalten. Alle jene losen Mährchen, dieman dem kleinen Hause hat aufhängen wollen,find eben so schlecht erfunden, als unwahrschein-lich und abgeschmackt. Das ist auch ein rechtesZeichen der Zeit, daß dergleichen Thorheiten jetzt 5geliebt, und als etwas Besonderes angesehenwerden, oft sogar von Leuten, die nichr zu dembelletristischen Wesen gehören."

„Erlauben Sie, geehrtester Herr Rath," riefMansfeld aus, „uns jungen Leuten der neuen, INerleuchteten Welt werden Sie doch zulassen müs-sen, das wir die Dinge anders, als unsereVorfahren ansehen dürfen. Sehen Sie, alterHerr, so wie diese mit der blanken baaren Ver-nunft zufrieden waren, ja selbst mit dem klaren 15,Verstände, ohne sich um die Tiefen der Philo-sophie zu kümmern, so begnügten sie sich auchmit seichtem Spaß und oberflächlichen Erfindun-gen , ohne von Phantasie und deren Wundernetwas zu erfahren. Bester Mann, diese Ge- 20Heimnisse, die Geisterwelt, die Psychologie, derMagnetismus, die Erscheinungen, die den Som-nambulen werden, der prophetische Schlaf, diegroße Einsicht in die Natur und deren neuentdeckte Kräfte, — kommen Sie, ich will nur 25eine einzige Erzählung unseres geistreichen Hoff-mann vorlesen, und Sie sollen als ein andererMensch von Ihrem Stuhle aufstehen."

„Lassen Sie mich zufrieden," erwiederte Frei-mund, „ich habe mehr zu thun, als mir durch 30Gespenstergeschichten die Zeit zu vertreiben, undmich durch Schauer bei diesem heißen Wetterabkühlen zu lassen. Geben Sie zu meinenWeibsleutcn, dort kommen Sie mit dergleichenSchnurren besser an." 35

Der junge Mansfeld befolgte gern diesenRath, er verließ freudig die beiden grämlichenAlten, um sich zur Tochter des Hauses zu be-geben , die mit der Mutter und einer jungenFreundin im kühlen Gartenzimmer mit weib- 40lichen Arbeiten beschäftiget waren. Sie em-pfingen ihn freundlich, weil er ihnen immeretwas Neues zu erzählen wußte, vorzüglich dieblonde Jugendfreundin Lvuisens, deren Wohl-wollen fast die Miene der Zärtlichkeit annahm. 45„Graupenhcim," nahm Mansfeld das Wort,

„ist nunmehr Ihr Eigenthum, und ich freuemich, daß wir uns morgen alle dort treffenwerden, um die Besitznahme feierlich und miteinem Feste zu begehen." 50

„Mir ist es leid um diesen Kauf," antwor-tete die Mutter; „mein Mann, der doch älterwird, läßt sich mit zu verschiedenen Geschäftenein, sein Gedächtniß wird schwächer, die Ver-waltung des Hauses hier, des großen Gutes 5Lund nun noch -"

„Und zwar," siel Louise ein, „ein so ge-spenstisches Nest, das in so üblem Rufe steht,wo Geister umgehen, Mord und Todtschlagvorgefallen ist, wo ich mich grauen werde, nur 60einen Augenblick, vollends in der Nacht, einmalallein zu sein."

„O allerliebst!" rief die muntere Henriette,und klatschte in die Hände: — „mein liebstesMütterchen, zu einem solchen Besitz muß ich 65Ihnen und meiner Louise Glück wünschen!Was ich mir das immer gewünscht habe, einsolches Sommerhaus zu bewohnen, wo es et-was unheimlich zugeht, wo einem alle die guten

Ticck.

und schlechten Romane der Miß Radcliff injeder dunkeln Stube, in einer Buchenlaube,oder in einem dunkeln Gange bestallen! Stattdaß man sonst fragt: sind die Schwalben schoneingekehrt? ist der Storch in sein altes Nestwieder gekommen? erkundigt man sich nun:Geht es Heuer viel um? Gerathen die Schau-der in diesem Herbste gut? Was macht Ihrlieber guter Spuck? Läßt sich das graue Männ-chen wieder sehen? Welche Späße haben sichdies Jahr die Unterirdischen ausgedacht? Nein,nein, da muß ich bei Euch wohnen, und meinStäbchen muß recht einsam liegen! Abends,beim dämmernden Lampenschein liefet uns dannMansfeld etwas recht Grauerliches vor, wirAlle entsetzen uns, keines will zu Bette gehen,endlich nimmt man mit Herzklopfen Abschied,und ich sitze nun allein da und fahre vor mei-nem eigenen Schatten zurück und wage nichtdas Licht zu putzen oder auszulöschen. Nunhört man's auf dem Gange schleichen, dieBäume rausche» so sonderbar, es schlägt sodumpf zwölf in der Ferne, — aber bei allemdem sagen Sie uns doch, Mansfeld, was hatman denn eigentlich gegen das allerliebste Häus-chen, das in einer so schönen Gegend liegt."

„Kindereien," antwortete Mansfeld, „etwasMeuchelmord, ein so grauser Fluch, ein so all-tägliches Schicksalswesen, wie wir es in hun-dert Tragödien sehen, eine Sühne, die noch er-wartet wird, und die vielleicht die schöne Louiseoder die muthwillige Henriette dort abbüßenund erfüllen müssen. Wer von uns nun etwanoch dort in Verzweiflung stirbt, wer noch inden Strudel dieser furchtbaren Begebenheitenhineingezogen wird, wer von uns den Andern,Sie verehrteste Frau von FreistriiM zum Bei-spiel, mit einem uralten Dolch cwndrden, odermit einer Limonade vergiften wird, das stehtbei den Göttern.«

„Nein, lieber Herr Mansfeld," sagte dj§Mutter sehr verdrießlich, „einen solchen Spaßwill ich mir verbeten haben. Mit solchen Din-gen muß man niemals scherzen wollen, es ge-schieht ohnehin Unglück und Böses genug inder Welt, man braucht es nicht noch herauszu fordern. Aber neugierig bin ich immer ge-wesen , was es mit dem Hause eigentlich füreine Bewandtniß hat, was man sich wenigstensdavon erzählt, und wenn Sie das wissen, meinjunger Herr, so theilen Sie es uns mit. Nochist es hell, wir sind nicht abergläubisch, dieSache wird auch, wie es so »st in der Weltgeschieht, daß man Alles vergrößert und dieblinde Furcht sich selber ohne Roth das Unbe-deutende schrecklich ausmalt, s» etwas besonde-res nicht sein." »

„Wir haben," fing Mansfeld an, „die ge-wisse Nachricht, daß die Gründung des Hausesjetzt etwa vor hundert und siebenzig Jahrenmag geschehen sein. Sie kennen die Gegend.Ueber dem Flusse hebt sich der weinbelaubteHügel, mit Obst und Korn dazwischen, obendann Waldparthieen, und zwischen diesen dasanmuthige Haus, das der gemeine Mann nurdas Zauberschlößchen nennt. Im dreißigjähri-gen Kriege soll hier, weil dieser Punkt denFluß und das Ufer bestreicht, eine schwedischeSchanze gewesen sein- Nach dem Frieden baute