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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
679-680
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Ludwig Ticck.

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düngen, die die Dichterin erhob, Schwieger hieltihm die Leiter. „O weh!" rief Mansfeld, alser oben auf dem kleinen und engen Altan ein-gepreßt stand, „die Glasthüren sind nicht uurverschlossen, sondern sogar von innen die Ladenvor, die gewiß auch verriegelt sind."

„Ungiück über Unglück!" schrie der erzürnteSchwieger, „ich bin schon ganz naß!" — „Undich erst," seufzte die Sängerin, halb weinend;„zu einfachen, vernünftigen Einrichtungen soll-ten doch die prosaischen Menschen wenigstensbrauchbar sein."

i,Hilft nichts!" rief Schwieger, „ich steigeauch hinauf, halten Sie mir nur die Leiterpoetisches Kind, oben schlagen wir die Glasthürein, und brechen die Laden in Stücken, daß wirwenigstens dort oben gegen das Ungewitlerunterducken können "

Ein heftiger Donnerschlag krachte jetzt sogewaltig, zugleich mit dem blendenden Blitze,daß das Haus in seinen Fundamenten zu er-zittern schien. Schwieger setzte den Fuß, derschon auf der Leiter stand, erschreckt wieder aufdie Erde, die Dame sank vor Entsetzen zu Bo-den und Mansfeld schien im Begriff, wiederherunter zu steigen, weil er in der ersten Be-täubung wohl glauben mochte, der Blitz habein das Haus geschlagen. „Bleib oben!" riefSchwieger, als er sich wieder gesammelt hatte;„da der Donner nicht das Haus eröffnet hat,so klettere ich hinauf, und wir schlagen lieberdas ganze Zauberschloß zu Trümmer, als daßwir hier im Freien in dieser Sündfluth ersau-fen. Halten Sie die Leiter, vortreffliche Freun-din , damir ich nicht den Hals breche, und Siemir dann nachsteigen können."

Die Freundin hatte vor Angst keine Sprachemehr, Schwieger war schon mit den Füßen ausdem zweiten Tritt, als sich hinter ihm ein lau-tes Fluchen erhob, und er zugleich einen soheftigen Schlag auf den Rücken empfand, daßer von der Leiter nieder auf den Boden hin-stürzte."

„Halt! halt! Donnerwetter! Spitzbuben!"schrie der taube, alte Gärtner, indem er dieLeiter wegriß und hinwarf: „Komm Kerl,"rief er noch lauter, und ein Knecht trat hinzu,— „den saubern Herrn da in den Stall ein-gesperrt, das Mamscllchen hier neben an; dasist eine schöne Wirthschaft! der dritte Patronkann da oben bleiben, den haben wir sichergenug."

Es half kein Widersprechen, kein Entgegen-schreien von allen Seiten, der Alte war taubund nahm keine Vernunft an, der Knecht ver-stand nicht, wovon die Rede war, er war nurZeuge des Einbruchs gewesen, dazu rauschteder Platzregen so gewaltig, der Donner brüllteso furchtbar, ein Hagelschlag siel prasselnd nie-der, so daß für Verständigung, Erörterung undfeines Unterscheiden zwischen Einbruch und Ein-steigen in das Haus eines Bekannten kein Raumund keine Zeit, noch weniger Begreifen sich fand.Als der taube Alte, wie er überzeugt war, seinePflicht gethan hatte, sendete er den Knechtnach dem Dorfe hinab, um Polizei, Soldaten,oder die Bauerngerichte herbeizurufen und jeneräuberischen Verbrecher der Gerechtigkeit zu über-liefern. Als er Alles vollbracht hatte, begab

er sich in sein Häuschen, schloß sich ein undnahm ein Gebetbuch, um mit lauter Stimmeein Lied bei Gefahr des Gewitters abzusingen.

Als Schwieger sich besonnen hatte, betrach-tete er den finstern Stall, so viel er es ver-mochte, und kletterte dann auf einige Balken,um aus einer kleinen Maueröffnung heraus zuschauen. Ihm fast gegenüber stand Mansfeld,an das eiserne Gitter des Balkons geklemmt,von Regen und Sturm gegeißelt. Im kleinenGemach, wo Brennholz aufbewahrt wurde, schautesich die Sängerin ebenfalls um, und konnte ebenein kleines Gitter oder Sparrwerk erreichen,von wo sie von der andern Seite den be-drängten Mansfeld aus seiner Warte beobach-ten konnte.

„Sapperment!" rief Schwieger verdrießlich;„das ist eine schöne Jnvitation ! Mansfeld! hatSie der Teufel noch nicht geholt?"

„Roch nicht!" erwiederte der junge Mannkläglich; „aber die Sache wird und muß baldvor sich gehn."

„O meine Herren," wimmerte die Dichte-rin, „das gemahnt mich an die furchtbare Hoch-zeit der Nibelungen.

„Sind Sie auch da," rief Schwieger vonder Seite; „Sie wollten ja die Wunder desZauberschlosses kennen lernen: nun haben wirderen überlei!"

So standen die betrübten Gesichter sich imDreieck gegenüber, einander Leidensmienen zu-sendend, seufzend und laut klagend. „Ich stehehier," rief Mansfeld, halb lachend, halb ver-zweifelnd, „noch unter einer verruchten Dach-traufe, die von oben aus einem Drachenhalsedie Fluthcn auf mich herabgießt. So weit istnoch nicht einmal die Kultur und Baukunst andieses Zaubernest gedrungen, daß die Röhrenan den Seiten den Platzregen hinabführen."

„Sekn Sie denn Nichts," rief Schwiegerhinauf, „von unserm verwünschten Freunde?"

„Nein," rief Mansfeld zurück, „er sitzt ru-hig und sicher daheim in seiner angenehmenStube. Wie der Knecht, der dem gefallenenSelbitz vom Thurm zuschreit, wie Pindarusvom Hügel dem verzweifelnden Cassius, wie dieSchwester Anna, die nach den rettenden Brü-dern ausschaut, so bin ich hier angepflöckt, rechts,links, von oben und von unten von Regenumgeben, und nicht einmal Staub sehe ichaufsteigen, keine Hecrde Schafe, denn alle Wegeschwimmen, und alle vernünftige und unver-nünftige Thiere sind unter Dach und Fach ge-krochen."

„O machen Sie keine Scherze.'" winselteund krächzte die Dichterin aus ihrem Gitter;„denn wir sind in einer mehr als erbärmlichenLage."

„Die Desperation spricht ja nur aus mir!"rief Mansfeld; „was, in des Satans Namen,bleibt uns denn noch übrig, als die Zähne aufeinander zu beißen und lustig zu sein?"

„Ich könnte den alten Freimund, den Ha-senfuß, erwürgen, wenn ich ihn hier hätte!"rief Schwieger in wilder Bosheit."

„Ja," antwortete Mansfeld, „wenn derSünder nur hier wäre, er sollte gewiß auchgewahr werden, was Ungewittcr und Dachtrau-fen zu bedeuten haben! Aber, wie könnt Ihr

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