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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
683-684
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Ludwig Ticck.

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Reisenden gezwungen, in einem Dorfe unter-wegs zu rasten, um die Hefe des Wetters erstvorüber zu lassen. Das Nöthigste war, die soganz Durchnäßten durch trockene Kleider undWäsche zu erleichtern. Aber hier war guterRath und Hülfe im eigentlichsten Sinne theuer,denn da man bei schönem heißem Wetter aus-gefahren war, so hatte man nur einige Ueber-röcke für die Rückkehr in der Nacht mitgenom-men. Aus der Noth mußte, wie so oft, eineTugend gemacht werden. Louise half im Ne-benzimmer der Dichterin, deren Schmetterlings-flügel am meisten gelitten hatten, und die, vomRegen ausgeweicht, in ihren Hüllen fast durch-sichtiger, als eine Ballettänzerin erschien. Siekam in einem ganz zugeknöpften, tuchenenUeberrocke zurück. Schwieger zog einen RokelorFreimund's an, und Mansfeld mußte einenReisecapot der Mutter überwerfen.

Der Küchenwagen, der schon am frühestenMorgen hätte ausreisen sollen, war auch erstnach Mittage ausgesandt worden; als sich da-her, da man etwas besser im Trocknen saß, nachder Anstrengung und dem schlechten Wetter dieBegierde nach Speise und Trank meldete, wußteman sich noch weniger zu rathen. Mansfeldnahm von Zeit zu Zeit seinen vorigen Platz aufdem Wartthurme draußen wieder ein, konnteaber mit seinen scharfen Augen nichts entdecken,um so weniger, da die Dämmerung einzubrechenanfing, die, bei dem schwarz bedeckten Himmel,bald zur Finsterniß zu werden drohte. DieDichterin hatte ihre Papiere indessen auf denLehnen der Stühle ausgebreitet, allein, als mandie Manuskripte näher besichtigte, war Alleserloschen. „Ja wohl/' sagte Mansfeld, „istdie schöne, feurige Poesie, der ganze Glückwunschfür Fräulein Louise, Amor und Hymen, Tanzund Brautfackel, Alles zu Wasser geworden;eine Novelle, die ich bei mir hatte, die wir la-sen, die aber unsere Sappho für unanständigerklärte, ist ebenfalls mir ihren Sündern undSünderinnen von dieser Sündflulh verschlungenworden. Und so naß es auch hergegangen ist,so sitzen wir dennoch nun völlig auf dem Trock-nen, und haben nichts zu beißen und zu brechen.Soll man ein Omen für die Vermählung dar-aus ziehen?"

Louise sah ihn mir einem sehnsüchtigen bit-tenden Blicke an, als wenn dieses Unwerter mitseinen Unfällen Trost bringen könne, als wennwirklich Sturm und Regen und die lächerlicheNoth der Anwesenden jene Verlobung, vor wel-cher sie zitterte, rückgängig machen würden.

Die Unbchaglichkeit der bleichen, gclangweil-ten Gäste stieg immer höher, denn auch denjungen Mansfeld schien seine erzwungene Launezu verlassen. Da es in der Thal finster wurde,mußte man an Licht denken, und weil die Wachs-kerzen sich ebenfalls auf dem ausbleibenden Kü-chenwagen befanden, so konnte man sich für'serste nicht anders helfen, als die kleine Oellampedes tauben Gärtners anzuzünden, deren trüberSchein wenigstens zeigte, wie finster die Däm-merung des Saales war. Da man einmal an-gefangen hatte, sich genügsam einzurichten, sotrieb die Noth bald zu dem Entschluß, nochmehr vom Haushalt des tauben Alten zu be-nutzen. Er war selbst aber nicht eingerichtet,

und hatte auf die Ankunft, auf den Gehalt sei-ner neuen Herrschaft gewartet; er halte darumnoch weder Federvieh, noch geräuchertes undgepökeltes Fleisch herbeigeschafft; er lebte, soviel er konnte, bei seiner Tochter im Dorfe, daseine Stunde und mehr entfernt war. Man fanddaher weder Schinken, noch Eier, Gemüse wurdeim Garten noch nicht gebaut; auch hatte derAlte keine Butter in seinem Hause, das Obstwar noch nicht reif, hätte auch wohl bei demfeuchten, erkältenden Wetter zu keiner sonder-lichen Erquickung gereicht. Man war daherfroh, als man im Schatz der Gärtnerhülte nocheinige Kartoffeln vom vorigen Jahr fand; diesewurden schnell auf dem Heerde gesotten, odergebraten und mit schwarzem Brode vorgesetzt,zu welchen Gerichten das Salz die einzige Würzeausmachte.

So beim kärglichen Mahle sitzend, welchessich keiner am Mittage als Erquickung hättedenken können, um die dämmernde Lampe imSaale, in dem mehr große Schlagschatten, alsMenschen zu sein schienen, ward die Gesellschaftnoch durch einen jungen Vetter vermehrt, derohngeachtet des schlechte» Wetters auf seinemEngländer hcrausgeritten war, um die Gesell-schaft zu überraschen, und am Fest und SchmauseTheil zu nehmen.

Man erkannte sich etwas mühsam, undMansfeld sagte; „Treten Sie heran, jungerHerr und Freund, und helfen Sie uns auchfeierlichst den Ankauf dieses wunderbaren Zau-berschlosses begeh». Wie unpassend, fast gemeinwäre die Sache, mit Wein, Torten, Pastete»,Ueppigkeit und Champagner die Besitzergreifungeines Feen- und GeisterreicheS zu feiern, dasthut jeder Wirth, der an seiner Kneipe dengoldnen Esel oder Löwen neu hat übcrsirniffenlassen. Diese Schmausereien, das Gläserklingen,diese Toasts und Trinksprüche, Thränen derRührung und Glückwünsche, Umarmungen undLippendrücken und Wangen mit den Lippen strei-cheln, alles dieses, meine Freunde, ist längst beihunderttausend patriotischen Veranlassungen,bei Jubelgreisen und Ordensfabrikationen, beiwohlthätigen Zwecken und silbernen Hochzeiten,bei Confirmationen, Hauekränzungen so genutzt,abgenutzt und vernutzt worden, daß kein Bau-vcrständiger mehr aus diesem Schutt das edleGebäude einer ächten Feierlichkeit aufführen mag.— Recht so, junger Einwcihling, setzen Siesich so, daß wenigstens die Spitze Ihrer schöne»Nase etwas von diesem Oelschimmer, um nichtdas unanständige Wort Thranlampe zu gebrau-chen, auffängt. — Sie sehen selbst, wie wenigman hier sieht, in diesem Reich der Schattenund der Unformen, in welchem alle unsere nachso treffliche Formen verwandelt und entstelltwerden. — Die hohe, eleusinische Weisheit un-seres edcln Wirthes und Mostagogen hat unsdieses schauerliche, unterirdische Fest bereitet,hier in grauenhafter Dunkelheit, von Geistern,wir selbst Geist und Gespenst, magisch umgeben,die erste große mystische Zusammenkunft der pri-vilcgirte» Zauberer, Magier, Heren, Hexenmei-ster und Zauberinnen. — Ja, tbeurer, einzu-weihender Jüngling, in den Ersten Grad, —denn ein einzuweichender, und eingeweichter,platzregendurchgossener, sturmdurchwühlter, är-

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