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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Ludwig

ger als jemals Tamiro es sein konnte, sindSie immer noch nicht, und werden auch zudiesem Ausschuß ausbündiger Mysterien, wiewir Drei hier sie heut überstanden, vielleichtnicht zugelassen werden, und auch wohl den gro- 5ßcn Schlag als Tempelritter niemals empfan-gen , der unserem edelsten Schwieger heut zuTheil geworden — ja, um in meiner Rede fort-zufahren — nehmen Sie, fassen Sie eine diesermystischen, symbolischen Früchte, vom gemeinen 10Mann Kartoffel genannt, die unterirdisch reift,von keinem Lichte geküßt, das ächte Symbsl 'dunkler Geheimnisse, der ächten englischen Mau-rerei , in der höhern Sprache Pata ten, Pata-roes genannt - nehmen Sie die c«6?Mhrigen, 15hie und da schon auswachscnden und gcheimniß-volle Warzen treibenden — brechen Sie diegrüngrauen Knospen ab, Ibsen Sie die schwarzeHülle des todten Buchstabens, daß Ihnen derlichte, weiße, nährende Geist appetitlich entge- 20gen schimmere. Richt wahr, wie leicht wirddie Hülse abgestreift? Wie baltz dringen wirzur Wahrheit hindurch? — Aber, halt! mäßi-gen Sie sich — fahren Sie bei dem allgemeinenMangel nicht so in das wenige aufgespeicherte 25Salz, in den Witz hinein, begnügen Sie sich,wie wir Acltercn alle hier, mit gezählten Kör-nern. Trinken Sie nun, wir haben es selbstdem Brunnen entschöpfr, das klare, »»gefälschteWasser. Der alte Cyclop dort, das Symbol 30der rohen Natur, ja der bösen Kräfte, wollteuns seinen Branntwein anbieten, den wir Alleverschmähten. — Die Weihe ist vollbracht! Auf-gezehrt ist Alles. So das Bild des goldenenZeitalters wieder herstellend, wünschen wir uns 35Alle Glück, daß der Himmel es uns vergönnthat, jenen immerdar beneideten Stand der Un-schuld einmal persönlich zu erleben. Unser Groß-meister, Schwieger, scharrt noch die Krumendes Brodes zusammen, Sappho lächelt uns an, 40die Braut denkt unserer ernsten Symbolik nach,die Mutter betrachtet mich mißtrauisch, der hoheFreimund verliert sich, wie so oft, in Gedanken,und der neu eingeweihte Jüngling ist begeistertund hoher, tugendhafter Entschlüsse voll." 45„Das Letzte wird auch nöthig sein," sagteFreimund. „Unser Küchcnwagen kommt wahr-scheinlich gar nicht, oder zu spät, wir habenauf eine schöne Sommernacht gerechnet, in wel-cher, oder selbst mit der Frühe, einige dieser 50Herren zu Fuß, oder auf einem Schiff zurücknach der Stadt gelangten; der Sturm, der Re-gen ist da, das Schiff ist also fort, zurückgeht,ist unmöglich, unsere Chaise zu klein. MeinBastian ist dumm, er laugt zu keinem solchen 55Auftrage, ich muß also den Vetter bitten, ei-nen Wagen, sei er auch, wie er sei, aus demDorfe zu holen, damit unser Schwieger, oderHerr Mansfeld, zurückfahren, denn wir könnenin unserm Wagen nur noch einen, vielleicht die 60Madame zurücknehmen, die so gütig hat seinwollen, das heurige Fest im Voraus zu be-singen." ,

Der junge Vetter verbeugte sich, und ließsich sein Pferd wieder vorführen- „Herr von 65Dobern wird heute gewiß gar nicht kommen,"fuhr der Vater fort; „auch kann ich mich wirk-lich nicht entsinnen, ob ich ihm den Tag oderAbend bestimmt habe, denn ich hatte so viele

Neck.

andere ,und wichtige Geschäfte zu besorgen, daßdiese Nebensachen meinem Gedächtnisse völligentwichen sind."

„Ei, freilich!" sagte Schwieger, „wer kannan Alles denken; gab es doch einmal einenMauser, der so zu einem Duell eilte, daß er inder Zerstreuung sein Bein zu Hause ließ.

„Wie denn das?" fragt« Freimund nach-denkend.

„Es war sein hölzernes," antwortete Schwie-ger , „welches er wirklich vergaß, und wie eran Ort und Stelle kam. mußten ihm die Se-kundanten erst eine» Baumzwcig unterbinden,damit er seine Stellung mit Festigkeit einneh-men konnte.

„Duell? Gevatter!" sagte Freimund wie-der — „mir däuchc, als Student habe ich aufder Universität auch einmal ein Duell ausge-kochten.^"

„Hü? lieber Mann," fragte die Gattin mitdem Ausdruck des größten Erstaunens.

„Freilich ist es so," antwortete Schwieger;„und wir können uns die Sache wohl bei die-ser traulichen Nachtlampe erzählen. Doch, dafällt mir zuvor noch eine andere, sonderbareGeschichte ein, die ich berichten will. Hast Duwohl schon je, lieber Gevatter, einen recht zer-streuten Menschen gekannt?"

„Ich denke nicht,'" sagte Freimund, „undkann mich eben keines recht auffallenden Exem-plars erinnern. Doch, mir fällt bei, Du selbst,lieber Freund, hast mehr wie einmal zu selt-samen Dingen durch deine Abwesenheit Veran-lassung gegeben."

„Kann wohl sein I" erwiederte Schwiegertrocken; „meine Abwesenheit zum Beispiel, alsich zum Assessor eraminirt werden sollte, esvergessen hatte, und verreiset war, und dieHerren Examinatoren lange vergeblich warteten,und ich nachher alle Hände voll zu thun hatte,daß die Männer sich nur wieder mit mir ein-ließen."

„Das ist dir begegnet?" fragte Freimunderstaunt; „sieh, ich habe immer geglaubt, dassei mir selbst zugestoßen. Du hast mir aberdie Sache vielleicht so oft erzählt, daß ich unsbeide verwechselt habe."

„Kann wohl sein!" sagte Schwieger mitboshaftem Lächeln, indem er die Uebrigen, soviel es die Lampe zuließ, bedeutend ansah. Umaber die Dämmerung zu überwinden, machteer eine solche Fratze, daß Alle über ihn lachenmußten.

„Nun, deine Geschichte?" fragte Frciinund.

„Ja," fuhr Schwieger fort, „die ziemlichseltsame Geschichte ereignete sich folgenderma-ßen: Ich war auf der Universität, und wie mandenn in den Jahren Gelüste hat, so kam mirplötzlich das, auch Spanisch zu lernen. Das wardamals noch ein seltener Fall, es war sogarnicht leicht, einen Lehrer aufzufinden. Ein altertrefflicher Mann, der fast alle Sprachen innehatte, gab sich endlich dazu her, vorausgesetzt,daß noch einige meine Lust theilen und mitmir gemeinsam die Stunde nehmen wollten.Ein Theologe, ein junger Edelmann und einJurist, ein vorzüglicher Kopf, vereinigten sich,mir lernen zu helfen. Der Theologe war einjunger gesetzter Mann, der in seinen Studien