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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
697-698
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Ludwig Ticck.

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sich führend. Plötzlich stieß Bastion, indem erschon aufsteigen wollte, einen lauten Schrei ausund lag zu des Bakers Füßen, und die Pferdeflogen, frei und ohne Führer, mit dem Wagendie Anhöhe hinunter. Man hörte nur nochden Schrei der Frauenzimmer, dann war Allesstill.

„Himmel! mein Kind!" rief Freimundaußer sich. Die Mutter sank halb ohnmächtigdem Manne an die Brust. „Donner und Wet-ter!" schrie Bastian, sich vom Boden aufraf.send. „Hab' ich's nicht gesagt! Ich steh' inaller Unschuld da und will aufsteigen, halte vor-sichtig die Zügel, da zieht es mir den und dasBein unter dem Leibe weg, schlägt mich aufdie Faust und Hände! Davon, wie ein Blitzund Gewitter! Nun, von dem Wagen und denRossen bleibt kein Gebein übrig!"

„Komm, arme, liebe Frau, in das unglück-liche Haus zurück!" sagte Freimund und faßtedie weinende Gattin, die er mehr trug alsführte.

Die Gesellschaft war nun wieder im Saalversammelt, man zündete wieder einige Later-nen an und der Rath sagte: Eilen Sie, lieberVetter, besteigen Sie schnell wieder Ihr Pferd,jagen Sie nach, forschen Sie, bringen Sie unsNachricht."

„Wenn ich nur die Richtung finde," sagteder junge Mensch. Schnell war er in denBügeln, er flog in der Dunkelheit davon.

„Und Sie, Herr von Dobcrn?" sagte derVater zum erstaunten, verwirrten Bräutigam.

„Was ist zu machen?" antwortete dieserfast kaltblütig. „In der Finsterniß kann mannicht um sich sehn; auf der Landstraße kann derWagen eben so gut rechts wie links gelaufenseyn, oder, was am wahrscheinlichsten ist, dietollen Pferde sind sogleich geradeaus gesprungen,den ganzen Berg und Abgrund hinunter, undAlles führt vielleicht der Fluß schon in seinenWogen. Wir muffen doch wenigstens die ersteDämmerung erwarten."

„Wie können Sie," rief Freimund aus,„nnr so gefühllos sein: Thut man doch lieberzu viel als zu wenig. O mein armes Kind!Himmel! soll diese fatale, unglückselige Nachtsich noch so fürchterlich beschließen?"

„Fassen Sie sich, mein Herr," sagte derFremde, „zwar kann der Unbekannte einemVater leicht so etwas sagen, werden Sie erwie-dern: aber, wenn man Krieg, Schicksale erlebtund durchkämpft hat, wenn man in fernen Ge-genden recht viel erfahren und gesehn hat, solernt man auch, daß ein augenscheinliches Un-glück sich mildert, daß eine offenbare Gefahroft nicht rettungslos ist, daß Zufall und Glückuns eben so oft die Hände bieten, als sie unsverfolgen. Wenn noch ein Pferd übrig ist, sogeben Sie es mir, und ich will nachjagen, er-forschen, um, wo möglich, Ihnen einige Beru-higung zu verschaffen."

„Mein Pferd, sagte der Landrath, „will ichIhnen wohl geben, es geht auch in der Nachtsicher, nur müssen Sie es mir nicht zu Schan-den jagen."

Freimund murrte wieder. „Sie sind gariu vorsichtig, Herr von Dobern," fugte erendlich. Wenn alle Menschen so dächten, so

würde niemals in der Welt etwas Besonderesoder Auffallendes geschehen."

Der Fremde ritt eilig fort. Ein Gerasseldraußen ertönte, verschiedene Stimmen riefenlaut und durch einander. „Sollten Sie dasein?" schrie die Mutter. Freimund stürztehinaus.

Es war der Küchenwagen, der nun endlichangekommen war. Die Leute waren auch wäh-rend des Gewitters eingekehrt. Im Dorfe hat-ten sie noch einige Bretter über den Wagen be-festigen lassen, damit manche Sachen, die freistanden, nicht verderben möchten.

„Setzen Sie sich nun alle," rief der Land-rath, „und erquicke» Sie sich wenigstens an dem,was endlich angekommen ist- Wir Alle habenin dieser sonderbaren Nacht vielfältige Stra-pazen überstanden.!'

„Richten Sie sich hier ein," sagte Freimundim höchsten Unwillen, „so bequem und unter-haltend, wie Sie es immer yermögen, ich undmeine Frau, wir wollen sogleich nach der Stadtfahren. Wenn mein Kind verunglückt ist, soist unser Leben überhaupt beschlossen."

„So verweilen Sie mit mir, Herr Mans-feld," sagte der Landrath; „wir begeben unsdann am Mittage nach der Stadt."

„Verehrter Freund," sagte Mansfeld mitgroßer Rührung zu Freimünd; „jener Bauer-wagen ist geräumig genug, mich und unsernSchwieger aufzuladen. Ich kann nicht ruhenund habe kein Gefühl, bis ich weiß, wie esLouisen ergangen ist. Ich hoffe, gut, leidlich;daß wir sie gesund bald wiedersehn. MeinReden und Schwatzen soll Sie unterwegs zer-streuen und vielleicht etwas mehr beruhigen.Der Herr Landrath kann sich auch besser ohneuns behelfen," fügte er mir einem Ton derGeringschätzung hinzu; da unsre Klagen ihnvielleicht in seinem philosophischen Wohlbehagenstören möchten."

So geschah es: Jene fuhren ab, als ebendie erste Dämmrung sich unmerklich in dieDunkelheit mischte, und der Landrath blieb, wieselbst verzaubert, in dem sogenannten Zauber-schlosse zurück.

In der nämlichen Slurmnacht, als sich allediese Zufälle und Verlegenheiten auf dem Zau-berschlosse entwickelt harten, saß der trostloseHauptmann in seinem Zimmer bei zugezogenenFenstern, und überlas noch einmal die Briefe,die er in glücklichen Zeiten von Louisen erhaltenhatte. Plötzlich rollte ein Wagen heran, undder General umarmte seinen überraschten Sohn.„In dem schrecklichen Wetter fahren Sie zumir, mein Vater?" sagte der Sohn verwun-dert. „umzukehren," erwiederte der General,„war es zu spät, und ich hatte dir einmal mei-nen Besuch zugedacht. Begrüße doch auch dei-nen alten Lehrer." „Wie?" rief der Haupt-mann , „auch Ihr Feldprediger, der theure Ma-gister, begleitet Sie?"

„Ja, mein Sohn," sagte der General inseiner frohen Laune, als sich alle im Zimmerniedergelassen hatten; „sieh, ich dachte so: ent-weder der Sohn ist rappelköpsisch und in einerstillen oder lauten Verzweiflung, da reicht meinväterlicher Trost allein nicht hin, darum habe

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