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Ludwig Ticck.
stimmten und ein unauslöschliches Gelächter imSaal erschallte.
„Ich kann Sie versichern," nahm endlichFreimund das Wort, „daß der alte Mann, derdas Gut hier gekauft hat, bis jetzt noch nichtso ganz blödsinnig ist; aber als Eigenthümerdarf ich nun wohl fragen: Wer sind Sie?Wie kommen Sie hieher? Und zwar aus dieseunerwartete, ja wunderbare Weise?"
„O," rief der Fremde unwillig; „wie bringtmich nur heut der Zufall dahin, mich unziem-lich zu betragen und als ein ungezogener, roherMensch zu erscheinen. Daß ich um Bergebungbitte, macht mein Benehmen nicht wieder gut.— So erfahren Sie denn, daß ich der ehema-lige Eigenthümer dieses Hauses bin, welchesich nach dem Frieden verkaufte. Sie haben eswahrscheinlich aus der zweiten Hand erhalten."
„Wie?" rief Mansfeld aus: „Sie sind da-mals im Kriege nicht umgekommen! Sie lebennoch?"
„Gewiß," erwiederte jener; „ich nahm mei-nen Abschied, heirathete meine Braut und wirth-schaftete auf dem größern Gute meines Bakers,bis dieser starb "
„Und Ihr Baker ist auch nicht im Kriege,und zwar recht tragisch, umgekommen?" fragteMansfeld.
„Ich weiß," antwortete der Unbekannte,„welche tolle Fabeln man sich von uns erzählt.Das müßige Landvolk hat diese Geschichten, werweiß wodurch veranlaßt, ersonnen, und dasMährchen ist nachher immer mit albernen Zu-sätzen vermehrt worden. So viel ist wahr, ichvertheidigte damals diese Gegend, und meinVater stand allerdings im feindlichen Heere, abermir zum Glück nicht gegenüber, sondern in einerentfernten Provinz."
„Ewig Schade!" fuhr die Dichterin heraus:„woher kommt denn aber, wenn alle jene tra-gischen Verwickelungen dahin sind, die Spuke-rei dieses Zauberschlosses?"
„Einiges von jenen Gerüchten," erwiederteder Fremde, „habe ich wohl selber ehemals, alsich hier wohnte, veranlaßt. Mir hat es immerWohlgefallen, daß Rousseau auf der Petcrs-Jnsel sich jene Fallthür und kleine Treppe ein-richtete, um plötzlich lästigen Besuchen zu ent-fliehen. Dort ist es nur ziemlich ungeschicktund plump angelegt, und ich schmeichle mir,dieselbe Anstalt seiner eingerichtet zu haben.Sie haben draußen, hinter dem Hause, die kleineGrotte bemerkt. Dort ist eine Feder angebracht,auf deren Druck sich von innen wie außen einekleine Thüre eröffnet; ein schmaler Gang führtunmittelbar in diesen Saal, wo ebenfalls eineFeder die kleine Thür im Fußboden bewegt.Sah ich nun Volk von der Stadt, oder lang-weilige Kameraden oder Leute kommen, die mirfür den Augenblick unbequem sielen, so entflohich Plötzlich in den nahen Wald und keinerwußte, wo ich geblieben war. Da ich das Kunst-stück meinen Leuten verheimlicht hatte, so konnteich auch plötzlich in meinem Zimmer sein, wenndiese mich weit entfernt glaubten. Auf einerReise durch diese Gegend, indem meine Fraueinige ihrer Verwandten wenige Meilen vonhier besucht, kam mir dort das Gelüste, meinvormaliges Eigenthum wieder einmal in Augen-
schein zu nehmen. Im Walde überraschte michSturm und Gewitter, ich konnte mich kaumwährend des Platzregens in einer Köhlcrhüttebergen. Als es finster wurde, begab ich mich5 hieher, und, in der Voraussetzung, daß dasHaus noch ganz leer sei, ging ich durch dieGrotte, wo ich das alte Kunststück noch unver-letzt fand. Ich hörte über mir Stimmen; er-scheine! komm! tönte es herunter, und ich10 konnte der Lust nicht widersteh», hierauf zuantworte». Statt umzukehren, trieb mich dieNcugier herauf, zu sehen, wer hier Hausenmöchte. Da Sie, der Eigenthümer, die Ein-richtung nicht kennen, so muß ich sie Ihnen,15 sobald es nur Heller geworden, zeigen, damitSie den Gebrauch kennen lernen."
„Hätten wir, liebe Sappho," sagte Mans-feld, „diesen treffliche» Schlupfwinkel gekannt:Weder so naß wären wir geworden, noch wären20 die Verse zu Grunde gegangen, wedcr hätteHerr Schwieger seinen zu vertraulichen Schul-terschlag bekommen, noch hätte ich oben alseine Verlorne Schildwacht stehen müssen. Wirwären wie die Mäuse hier hereingeschlüpft, und25 hätten nachher den neuen Gutsbesitzer ausge-lacht, über seine Zerstreutheit doch einigermaßengetröstet."
„Es ist doch aber allzutraurig," klagteSappho, „daß in unsern Tagen alles Wunder-00 bare, Geistige und Gespenstige immerdar inRauch verschwindet. Wo es auch scheint, daßsich einmal eine schöne herzige Sage anheftenund ausbilden will, so kommt gleich eine pro-saische Kritik hinterdrein, um den schöne» Glau-35 den zu zerstören. So sind Sie, geehrter HerrUnbekannter, Ihr eigner Revenant, und tretenhier selbst als Geist auf, um Ihre geistige Exi-stenz abzuläugnen? O wie bequem hatten esdarin unsre gläubigen Vorfahren! Nein, nein,40 ich sehe, jene Politiker haben Recht, welche be-haupte», daß uns niemals ein Mittelalter zu-rückkehren werde. Die armen Gespenster! Al-lenthalben verfolgt und verdrängt, finden siein unsern Tagen selbst nicht einmal in den Ro-45 manen, kaum noch in den Tragödien eine letzteZuflucht.
Der Wagen war vorgefahren, man mußteaber mehrere Schritte den steilen Hügel hin-untergehen, zu einem ebnen Waldfleck, wo die50 Pferde standen. Bastian sagte, indem Mans-feld die Dichterin im Finstern herunlergeführthalte, die zuerst einsteigen sollte: „Mein Secl,es gehn hier Kobolde um, die dem MenschenAlles zum Possen thun; mir ist ein Knirps55 und Wicht rechts und links unter dem Wage»bei den Füßen vorbei gesprungen." „Sei keinKind," sagte Mansfeld. „Hat sich was>"murrte der Alte; „und die Pferde selbst sindschon so unruhig, als wenn der Teufel in ihnen60 steckte."
Die Dichterin saß, Schwieger führte Lom-sen- „Ich glaube," sagte dieser, „die Finster-niß dieser Nacht hat alles Lichr eingcschluckt;will sich doch immer noch keine Dämmerung65 wieder zeigen, man muß mehr tappen als gehn^wo ist der Wagen?" — „Hier!" sagte dealte Kutscher, „kommen's nur 'rab." — Lou>!setzte sich »eben die Sängerin, und die Mutter,so wie Freimund, warteten zwei Schritt davon,