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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
779-780
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Friedrich Wilhelm Freiherr von Humboldt. 780

von denen im Vorigen die Rede war. Sie sindnicht in die Geschichte hineingetragen, sondernmachen ihr Wesen selbst aus. Denn jede todteund lebendige Kraft wirkt nach den Gesetzenihrer Natur, und Alles, was geschieht, steht, 5dem Raum und der Zeit nach, in unzertrenn-lichem Zusammenhange.

In diesem erscheint die Geschichte, wie man-nigfaltig und lebendig sie sich auch vor unsermBlicke bewegt, doch wie ein todtes, unabän- 10derlichcn Gesetzen folgendes, und durch mecha-nische Kräfte getriebenes Uhrwerk. Denn eineBegebenheit erzeugt die andre. Maß und Be-schaffenheit jeder Wirkung wird durch ihre Ur-sach gegeben, und selbst der frei scheinende Wille 15des Menschen findet seine Bestimmung in Um-ständen, die längst vor seiner Geburt, ja vordem Werden der Nation, der er angehört, un-abänderlich angelegt waren. Aus jedem ein-zelnen Moment die ganze Reihe der Bergan- 20genhcit, und selbst der Zukunft berechnen zukönnen, scheint nicht in sich, sondern wegenmangelnder Kenntniß einer Menge von Zwi-schengliedern unmöglich. Allein es ist längst er-kannt, daß das ausschließende Verfolgen dieses 25Wegs gerade abführen würde von der Einsichtin die wahrhaft schaffenden Kräfte, daß in je-dem Wirken, bei dem Lebendiges im Spiel ist,gerade das Hauptclement sich aller Berechnungentzieht, und daß jenes scheinbar mechanische 30Bestimmen doch ursprünglich frei wirkendenImpulsen gehorcht.

Es muß also, neben dem mechanischen Be-stimmen einer Begebenheit durch die andre,mehr auf das eigenthümliche Wesen der Kräfte 35gesehen werden, und hier ist die erste Stufe ihrphysiologisches Wirken. Alle lebendige» Kräfte,der Mensch wie die Pflanze, die Nationen wiedas Individuum, das Menschengeschlecht wiedie einzelnen Völker, ja selbst die Erzeugnisse 40des Geistes, so wie sie auf einem, in einer ge-wissen Folge fortgesetzte» Wirken beruhen, wieLitteratur, Kunst, Sitten, die äußere Form derbürgerlichen Gesellschaft, haben Beschaffenheiten,Entwicklungen, Gesetze mir einander gemein. 45So das stufenweise Erreichen eines Gipfelpunkts,und das allmäligc Herabsinken davon, den Ue-bergang von gewissen Vollkommenheiten zu ge-wissen Ausartungen u. s. s. Unläugbar liegthierin eine Menge geschichtlicher Aufschlüsse, 50aber sichtbar wird auch hierdurch nicht das schaf-fende Prinzip selbst, sondern nur eine Form er-kannt, der es sich beugen muß, wo es nicht anihr einen erhebenden und beflügelnden Trägerfindet. 55

Noch weniger zu berechnen in feinem Gange,und nicht sowohl erkennbaren Gesetzen unter-worfen, als nur in gewisse Analogieen zu fassen,sind die psychologischen Kräfte der mannigfaltigin einander greifenden menschlichen Fähigkeiten, 60Empfindungen, Neigungen und Leidenschaften.

Als die nächsten Triebfedern der Handlungen,und die unmittelbarsten Ursachen der darausentspringenden Ereignisse, beschäftigen sie denGeschichtschreiber vorzugsweise, und werde» am 65häufigsten zur Erklärung der Begebenheiten ge-braucht. Aber diese Ansicht gerade erfordertdie meiste Behutsamkeit. Sie ist am wenigstenwelthistorisch, würdigt die Tragödie der Welt-

geschichte zum Drama des Alltagslebens herab,verführt zu leicht, die einzelne Begebenheit ausdem Zusammenhange des Ganzen herauszurei-ßen, und an die Stelle des Wcltschicksals einkleinliches Getreide persönlicher Beweggründezu setzen. Alles wird auf dem von ihr ausge-henden Wege in das Individuum gelegt, unddas Individuum doch nicht in seiner Einheitund Tiefe, seinem eigentlichen Wesen erkannt.Denn dieß läßt sich nicht so spalten, analysiren,nach Erfahrungen beurtheilen, die, von Vielengenommen, aus Viele passen sollen. Seine ei-genthümliche Kraft geht alle menschlichen Em-pfindungen und Leidenschaften durch, drücktaber allen ihren Stempel und ihren Charakterauf.

Man könnte den Versuch machen, nach die-sen drei, hier angedeuteten Ansichten, die Ge-schichtschreiber zu klafsifiziren, aber die Charak-teristik der wahrhaft genialischen unter ihnenwürde durch keine, ja nicht durch alle zusam-mengenommen erschöpft. Denn diese Ansichtenselbst erschöpfen auch nicht die Ursachen des Zu-sammenhangs der Begebenheiten, und die Grund-idee , von welcher aus allein das Verstehen die-ser in ihrer vollen Wahrheit möglich ist, liegtnicht in ihrem Kreise. Sie umfassen nur die,in regelmäßig sich wieder erzeugender Ordnungüberschaubaren Erscheinungen der todten, leben-digen und geistigen Natur, aber keinen freienund selbstständigen Impuls einer ursprünglichenKraft; jene Erscheinungen geben daher auchnur Rechenschaft von regelmäßig, nach erkann-tem Gesetz, oder sichrer Erfahrung wiederkeh-renden Entwicklungen; was aber wie ein Wun-der entsteht, sich wohl mit mechanischen, physi-ologischen und psychologischen Erklärungen be-gleiten, aber aus keiner solchen wirklich ableitenläßt, das bleibt innerhalb jenes Kreises auchnicht bloß unerklärt, sondern unerkannt.

Wie man es immer anfangen möge, so kanndas Gebiet der Erscheinungen nur von einemPunkte außer demselben begriffen werden, unddas besonnene Heraustreten ist eben so gefahr-los, als der Irrthum gewiß bei blindem Ver-schließen in demselben. Die Weltgeschichte istnicht ohne eine Weltregierung verständlich.

Mit dem Festhalten dieses Gesichtspunktsist gleich der bedeutende Vortheil gewonnen,das Begreifen der Begebenheiten nicht für ab-geschlossen zu erachten durch jene, aus demKreise der Natur genommenen Erklärungen.Uebrigens wird aber freilich dem Geschichtschrei-ber dadurch der letzte, schwierigste und wichtigsteTheil seines Wegs wenig erleichtert. Denn esist ihm kein Organ verliehen, die Plane derWeltregierung unmittelbar zu erforschen, undjeder Versuch dazu dürfte ihn, wie das Aufsu-chen von Endursachen, nur auf Abwege führen.Allein die außerhalb der Naturentwicklung lie-gende Leitung der Begebenheiten offenbart sichdennoch an ihnen selbst, durch Mittel, die, wenngleich nicht selbst Gegenstände der Erscheinung,doch an solchen hängen, und an ihnen, wie un-körperliche Wesen, erkannt werden, die manaber nie wahrnimmt, wenn man nicht, hinaus-tretend aus dem Gebiet der Erscheinungen, imGeiste in dasjenige übergeht, aus dem sie ihreAbkunft haben. An ihre Erforschung ist also