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Karl Wilhelm Freiherr von Humboldt.
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die letzte Bedingung der Lösung der Aufgabedes Geschichtschreibers geknüpft.
Die Zahl der schaffenden Kräfte in der Ge-schichte wird durch die unmittelbar in den Be-gebenheiten auftretenden nicht erschöpft. Wennder Geschichtschreiber auch alle einzeln, und inihrer Berbindung durchforscht hat, die Gestaltund die Umwandlungen des Erdbodens, dieVeränderungen des Klima's, die Geistesfähig-keit und Sinnesart der Nationen, die noch ei-genthümlichere Einzelner, die Einflüsse der Kunstund Wissenschaft, die rief eingreifenden undweit verbreiteten der bürgerlichen Einrichtungen,so bleibe ein noch mächtiger wirkendes, nichtin unmittelbarer Sichtbarkeit auftretendes, aberjenen Kräften selbst den Anstoß und die Rich-tung verleihendes Prinzip übrig, nämlich Ideen,die, ihrer Natur nach, außer dem Kreise derEndlichkeit liegen, aber die Weltgeschichte inallen ihren Theilen durchwalken und beherr-schen.
Daß solche Ideen sich offenbaren, daß ge-wisse Erscheinungen, nicht erklärbar durch blo-ßes, Naturgesetzen gemäßes Wirken, nur ihremHauch ihr Dasein verdanken, leidet keinen Zwei-fel, und eben so wenig, daß es mithin einenPunkt gibt, auf dem der Geschichtschreiber, umdie wahre Gestalt der Begebenheiten zu erken-nen, auf ein Gebiet außer ihnen verwiesen wird.
Die Idee äußert sich aber auf zwiefachemWege, einmal als Richtung, die anfangs un-scheinbar, aber allmählig sichtbar, und zuletztunwiderstehlich, Viele, an verschiedenen Orten,und unter verschiedenen Umständen ergreift;dann als Krasterzeugung, welche in ihrem Um-fang und ihrer Erhabenheit nicht aus den be-gleitenden Umständen herzuleiten ist.
Von dem Ersteren finden sich die Beispieleohne Mühe, sie sind auch kaum in irgend einerZeit verkannt worden. Aber es ist sehr wahr-scheinlich, daß noch viele Begebenheiten, die manjetzt auf mehr materielle und mechanische Weiseerklärt, auf diese Art angesehen werden müssen.
Beispiele von Krafkerzeugungen, von Er-scheinungen, zu deren Erklärung die umgeben-den Umstände nicht zureichen, sind das oben er-wähnte Hervorbrechen der Kunst in ihrer rei-nen Form in Aeghplen, und vielleicht noch mehrdie plötzliche Entwicklung freier, und sich dochwieder gegenseitig in Schranken haltender In-dividualität in Griechenland, mir welcher Spra-che , Poesie und Kunst auf einmal in einer Vol-lendung da stehen, zu der man vergebens demallmählichen Wege nachspürt. Denn das Be-wundernswürdige der griechischen Bildung, undwas am meisten den Schlüssel zu ihr enthält,hat mir immer geschienen, daß, da den Grie-chen alles Große, was sie verarbeiteten, von inKasten getheilten Nationen überkam, sie vondiesem Zwange frei blieben, aber immer einAnalogon beibehielten, nur den strengen Be-griff in den loseren der Schule und freien Ge-nossenschaft milderten, und durch vielfachereTheilung des urnalionellen Geistes, als es jein einem Volke gegeben hat, in Stämme, Völ-kerschaften und einzelne Städte, und durch wie-der eben so aufsteigende Verbindung, die Ver-schiedenheit der Individualität zu dem regstenZusammenwirken brachten. Griechenland stellt
dadurch eine, weder vorher noch nachher jemalsda gewesene Idee nationeller Individualitätauf, und wie in der Individualität das Geheim-niß alles Daseins liegt, so beruht auf dem Grade5 der Freiheit und der Eigenthümlichkeit ihrerWechselwirkung alles weltgeschichtliche Fortschrei-ten der Menschheit.
Zwar kann auch die Idee nur in der Na-turverbindung auftreten, und so läßt sich auch10 bei jenen Erscheinungen eine Anzahl befördern-der Ursachen, ein Uebergang vom Unvollkomm-neren zum Vollkommneren nachweise» , und inden ungeheuren Lücken unsrer Kunde mit Rechtvoraussetzen. Aller das Wundervolle liegt da-1 g rum nicht minder im Ergreifen der ersten Rich-tung, dem Sprühen des ersten Funkens. Ohnediesen können keine befördernden Umstände wir-ken, keine Uebung, kein allmäliges Vorschrei-ben, auch Jahrhunderte hindurch, zum Ziel2v führen. Die Idee kann sich nur einer geistigindividuellen Kraft anvertrauen, aber daß derKeim, welchen sie in dieselbe legt, sich auf seineWeise entwickelt, daß diese Weise dieselbe bleibt,wo er in andere Individuen übergeht, daß die2 g aus ihm aufsprießende Pflanze durch sich selbstihre Blüthe und ihre Reife erlangt, und nach-her welkt und verschwindet, wie immer die Um-stände und Individuen sich gestalten mögen,dieß zeigt, daß es die selbstständige Natur der30 2dee ist, welche diesen Lauf in der Erscheinungvollendet. Auf diese Art kommen in allen ver-schiedenen Gattungen des Daseins und der gei-stigen Erzeugung Gestalten zur Wirklichkeit,in denen sich irgend eine Seite der Unendlich-es keil spiegelt, und deren Eingreifen ins Lebenneue Erscheinungen hervorbringt.
In der Körperwelt, da es bei dem Erfor-schen der geistigen immer ein sichernder Wegbleibt, die Analogie in jener zu verfolgen, darf40 man kein Entstehen so bedeutend neuer Gestal-ten erwarten. Die Verschiedenheiten der Or-ganisation haben einmal ihre festen Formengefunden, und obgleich sie sich innerhalb dieserniemals in der organischen Individualität er-4 g schöpfen, so werden diese feinen Nüancen nichtunmittelbar, kaum in ihrem Wirken auf diegeistige Bildung sichtbar. Die Schöpfung derKörperwelt geht im Raume auf einmal, dieder geistigen allmählich i„ der Zeit vor, oder50 die erstere findet wenigstens eher ihren Ruhe-punkt, auf dem die Schöpfung sich in der ein-förmigen Forterzeugung verliert. Viel näheraber, als die Gestalt und der körperliche Bau,stehet dem Geistigen das organische Leben, und55 die Gesetze beider finden eher Anwendung aufeinander. In dem Zustande der gesunden Kraftist dies minder sichtbar, wiewohl sehr wahr-scheinlich auch in ihm Veränderungen der Ver-hältnisse und Richtungen vorkommen, welche60 verborgenen Ursachen folge», und epochcnweisedas organische Leben anders und anders stim-men. Aber im abnormen Zustande des Lebens,in den Krankheitsformen giebt es unleugbarein Analogon von Richtungen, die, ohne er-65 klärliche Ursachen, plötzlich oder allmählich ent-stehen, eignen Gesetzen zu folgen scheinen, undauf einen verborgnen Zusammenhang der Dingehinweisen. Dieß bestätigen vielfache Beobach-tungen, wenn es auch vielleicht erst spät dahin-