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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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797-798
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Ueber den Werth des Studiums

Durch allergnädigste Befehle bin ich ange-wiesen, beider feierlichen Vcrcheilung der Preise,welche die allerhöchste Regierung den Schülern,die sich durch ihre Fortschritte auszeichnen, zur 15Belohnung und noch mehr zur Aufmunterungbestimmt, in einer öffentliche» Rede die Ge-schichte der Gpmnasial-Anstalr im verflossenenJahre darzustellen, und dasjenige zu berühren,wovon für das Verhältniß des Publikums zu 20derselben zu sprechen zweckmäßig sein kann. Soehrerbietigst ich diese Pflicht zu erfüllen habe,so sehr liegt die eigne Aufforderung dazu inder Natur des Gegenstandes und Inhaltes, dereine Reihe königlicher Wohlthaten oder deren 25Wirkungen ist, und dessen Darstellung den Aus-druck ,der tiesschuldigsten Dankbarkeit für dieselbeenthält; — einer Dankbarkeit, die wir in Ge-meinschaft mit dem Publikum der erhabenenSorA der Regierung für die öffentlichen Un- 30lerrichlsanstalle» darbringen. — Es sind zweiZweige der Staatsverwaltung, für deren guteEinrichtung die Völker am erkenntlichsten zusein pflegen, gute Gercchtigkcitspflege und guteErziehungsanstalten; denn von keinem übersieht 35und fühlt der Privatmann die Vortheile undWirkungen so unmittelbar, nah und einzeln,als von jenen Zweigen, deren der eine sein Pri-vateigenthum überhaupt, der andere aber seinliebstes Eigenthum, seine Kinder, betrifft. 40

Die hiesige Stadt hat die Wohlthat einerneuen Schulcinrichtung um so lebhafter er-kannt, je größer und allgemein gefühlter dasBedürfniß einer Veränderung war.

Die neue Anstalt hatte ferner den Vortheil, 45auf alte, mehrere Jahrhunderte bestandene An-stalten, nicht auf eine neue, zu folgen; eskonnte sich somit an sie die vorhandene Vor-stellung einer langen Dauer, eines Bleibendenknüpfen, und das entgegenkommende Zutrauen 50wurde nicht durch den Gegengedankcn gestört,daß die neue Einrichtung etwas vielleicht nurVorübergehendes, Experimentarliges sei; ein Ge-danke, der besonders, wenn er sich in den Ge-müthern derer, denen die unmittelbare Ausfüh- 55rung anvertraut ist, festsetzt, öfters sogar fähigist, eine Einrichtung in der That zu einembloßen Experiment herabzusetzen.

Ein innerlicher Grund des Zutrauens istaber, daß die neue Anstalt bei wesentlicher Ver- 60besserung und Erweiterung des Ganzen dasPrinzip der ältern erhalten hat, und insofernnur eine Fortsetzung derselben ist. Und es istmerkwürdig, daß dieser Umstand das Charakte-ristische und Ausgezeichnete der neuen Einrich- 65lung ausmacht.

Indem das sich endigende Studienjahr daserste Jahr, und die Geschichte unserer Anstalt>» demselben die Geschichte ihrer Entstehung ist,

-cr alten Sprachen. (Rede).

so liegt der Gedanke ihres ganze» Planes undZweckes zu nahe, als daß wir von ihm ab, undschon auf einzelne Begebenheiten derselben un-sere Aufmerksamkeit richten möchten. Weil dieSache selbst so eben erst geworden ist, so be-schäftigt noch ihre Substanz die Neugierdc unddie nachsinnender«: Uebcrlegung. Das Einzelneaber ist Theils aus den öffentlichen Anzeigenbekannt; Theils, wie auch das weitere Detail,was und wie, und wie viele Schüler dieses Jahrunterrichtet worden, ist in dem, gedruckt demPublikum mitzutheilenden Schüler-Katalog ent-halten. Es sei mir daher erlaubt, in der hohenGegenwart Eurer Exzellenz und dieser hochan-sehnlichen Versammlung mich an das Prinzipunseres Instituts zu halten, und über sein Ver-hältniß und seine Grundzüge, und deren Sinn,einige allgemeine Gedanke» vorzulegen, soweitdie zerstreuende Vielgeschäfligkcit, die mein Amtgerade in diesem Zeitpunkte mit sich brachte,mir zu sammeln erlaubte.

Der Geist und Zweck unserer Anstalt ist dieVorbereitung zum gelehrten Studium, undzwar eine Vorbereitung, welche aus den Grundder Griechen und Römer erbaut ist. Seit ei-nigen Jahrtausenden ist dies der Boden, ausdem alle Kultur gestanden hat, aus dem siehervorgesproßt, und mit dem sie in beständigemZusammenhange gewesen ist. Wie die natürli-che» Organisationen, Pflanzen und Thiere, sichder Schwere entwinden, aber dieses Elementihres Wesens nicht verlassen können, so ist alleLeinst und Wissenschaft jenem Boden entwach-sen ; und obgleich auch in sich selbstständig ge-worden, hat sie sich von der Erinnerung jenerälteren Bildung nicht befreit. Wie Anieusseine Kräfte durch die Berührung der mütter-lichen Erde erneuerte, so Hai jeder neue Auf-schwung und Bekräftigung der Wissenschaft undBildung sich aus der Rückkehr zum Alterthumans Licht gehoben.

So wichtig aber die Erhaltung dieses Bo-dens ist, so wesentlich ist die Abänderung desVerhältnisses, in welchem er ehemals gestandenhat. Wenn die Einsicht in das Ungenügende,Nachtheilige alter Grundsätze und Einrichtun-gen überhaupt, und damit der mit ihnen ver-bundenen vorigen Bildungszwecke und Bil-dungsmittel eintritt, so ist der Gedanke, dersich zunächst auf der Oberfläche darbietet, diegänzliche Beseitigung und Abschaffung dersel-ben. Aber die Weisheit der Regierung, erha-ben über diese leicht scheinende Hülfe, erfülltauf die wahrhafteste Art das Bedürfniß der Zeitdadurch, daß sie das Alte in ei» neues Ver-hältniß zu dem Ganzen setzt, und dadurch dasWesentliche desselben eben so sehr erhält, alssie es verändert und erneuert.