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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Grorfl Wilhelm Friedrich Hegel.

der Seele den ersten und unverlierbaren Tonund Tinktur für Geschmack und Wissenschaftgebe. Und zu dieser Einweihung ist nicht eineallgemeine, äußere Bekanntschaft mit den Altenhinreichend, sondern wir müssen uns ihnen in 5Kost und Wohnung geben, um ihre Lust, ihreVorstellungen, ihre Sitten, selbst, wenn manwill, ihre Irrthümer und Vorurtheile einzusau-gen, und in dieser Welt einheimisch zu werden,

— der schönsten, die gewesen ist. Wenn das ioerste Paradies das Paradies der Menschenna-tur war, so ist dies das zweite, das höhere,das Paradies des Menschengeistes, der in seinerschönern Natürlichkeit, Freiheit, Tiefe und Hei-terkeit, wie die Braut aus ihrer Kammer, her- 15vortritt. Die erste wilde Pracht seines Aus-gangs im Morgenlande ist durch die Herrlich-keit der Form umschrieben, und zur Schönheitgemildert; er hat seine Tiefe nicht mehr inder Verworrenheit, Trübseligkeit oder Aufge- 20blasenheit, sondern sie liegt in unbefangenerKlarheit offen; seine Heiterkeit ist nicht ein kin-disches Spielen, sondern über die Wehmuth her-gebreiret, welche die Härte des Schicksals kennt,aber durch sie nicht aus der Freiheit über sie 25und aus dem Maße getrieben wird. Ich glaubenicht zu viel zu behaupten, wen» ich sage, daßwer die Werke der Alten nicht gekannt hat,gelebt hat, ohne die Schönheit zu kennen.

In einem solchen Elemente nun, in dem zgwir uns einhausen, geschieht es nicht nur, daßalle Kräfte der Seele angeregt, entwickelt undgeübt werden, sondern dasselbe ist ein eigenthüm-licher Stoff, durch welchen wir uns bereichern,und unsere bessere Substanz bereiten. 35

Es ist gesagt worden, daß die Geistesthätig-keit an jedem Stoffe geübt werden könne, undals zweckmäßiger Stoff erschienen Theils äußer-lich nützliche, Theils die sinnlichen Gegenstände,die dem jugendlichen oder kindlichen Alter am 4gangemessensten seien, indem sie dem Kreise undder Art des Vorstellens angehören, welche diesAlter schon an und für sich selbst habe.

Wenn vielleicht, vielleicht auch nicht, dasFormelle von der Materie, das Ueben selbst, 45von dem gegenständlichen Kreise, an dem esgeschehen soll, so trennbar und gleichgültig da-gegen sein könnte, so ist es jedoch nicht um dasUeben allein zu thun. Wie die Pflanze dieKräfte ihrer Reproduktion an Licht und Luft 5anicht nur übt, sondern in diesem Prozesse zu-gleich ihre Nahrung einsaugt, so muß der Stoff,an dem sich der Verstand und das Vermögender Seele überhaupt entwickelt und übt, zu-gleich eine Nahrung sein. Nicht jener söge- 55nannte nützliche Stoff, jene sinnliche Materia-tur, wie sie unmittelbar in die Vorstellungs-weise des Kindes sällt: nur der geistige Inhalt,welcher Werth und Interesse in und für sichselbst hat, stärkt die Seele und verschafft diesen «gunabhängigen Halt, diese substantielle Inner-lichkeit, welche die Mutter von Fassung, vonBesonnenheit, von Gegenwart und Wachen desGeistes ist; er erzeugt die an ihm großgezogeneSeele zu einem Kern von selbstständigem Werthe, 65von absolutem Zwecke, der erst die Grundlagevvn Brauchbarkeit zu Allem ausmacht, und denes wichtig ist, in allen Ständen zu pflanzen-Haben wir nicht in neueren Zeiten sogar StaaKurz Pros. Lit. II.

ten selbst, welche solchen innern Hintergrundin der Seele ihrer Angehörigen zu erhalten undauszubauen vernachlässigten und verachteten, sieaus die bloße Nützlichkeit und auf das Geistigenur als auf ein Mittel richteten, in Gefahrenhaltungslos dastehen, und in der Mitte ihrervielen nützlichen Mittel zusammenstürzen sehen?

Den edelsten Nahrungsstoff nun, und in deredelsten Form, die goldenen Aepfel in silbernenSchaalen, enthalten die Werke der Alten, undunvergleichbar mehr als jede anderen Werkeirgend einer Zeit und Nation. Ich brauche andie Großheit ihrer Gesinnungen, an ihre plasti-sche, von moralischer Zweideutigkeit freie Tugendund Vaterlandsliebe, an den großen Styl ihrerThaten und Charaktere, das Mannigfaltige ih-rer Schicksale, ihrer Sitten und Verfassungennur zu erinnern, um die Behauptung zu recht-fertigen , daß in dem Umfange keiner Bildungso viel Vortreffliches, Bewundernswürdiges, Ori-ginelles, Vielseitiges und Lehrreiches vereinigtwar.

Dieser Reichthum aber ist an die Sprachegebunden, und nur durch und in dieser errei-chen wir ihn in seiner ganzen Eigenthümlich-keit. Den Inhalt geben uns etwa uebersetzun-gen, aber nicht die Form, nicht die ätherischeSeele desselben. Sie gleichen den nachgemach-ten Rosen, die an Gestalt, Farbe, etwa auchWohlgeruch, den natürlichen ähnlich sein kön-nen, aber die Lieblichkeit, Zartheit und Weich-heit des Lebens erreichen jene nicht. Oder diesonstige Zierlichkeit und Feinheit der Kopiegehört nur dieser an, an welcher ein Kontrastzwischen dem Inhalte und der nicht mit ihmerwachsenen Form sich fühlbar macht. DieSprache ist das musikalische Element, das Ele-ment der Innigkeit, das in der Uebertragungverschwindet; der feine Duft, durch den dieSympathie der Seele sich zu genießen giebt,aber ohne den ein Werk der Alten nur schmecktwie Rheinwein, der verduftet ist.

Dieser Umstand legt uns die hart scheinendeNothwendigkeit auf, die Sprache» der Alle»gründlich zu studiren, und sie uns geläufig zumachen, um ihre Werke in dem möglichstenUmfang aller ihrer Seiten und Vorzüge genie-ßen zu können. Wenn wir uns über die Muhe,die wir hierzu anwenden müssen, beschwerenwollten, und es fürchten oder bedauern könnten,die Erwerbung anderer Kenntnisse und Fertig-keiten darüber zurücksetze» zu müssen; so hättenwir das Schicksal anzuklagen, das uns in unsercr eigenen Sprache nicht diesen Kreis klassi-scher Werke Hai zu Theil werden lassen, dieuns die mühevolle Reise zu dem Alterthumentbehrlich machten und den Ersatz für dasselbegewährten.

Nachdem ich von dem Stoffe der Bildunggesprochen, führt dieser Wunsch darauf, nocheinige Worte über das Formelle zu sagen, dasi» ihrer Natur liegt.

Das Fortschreiten der Bildung ist nämlichnicht als das ruhige Fortsetzen einer Kette anzusehen, an deren frühere Glieder die nachfolgendenzwar mit Rücksicht auf sie gefügt würden, aberaus eigener Materie, und ohne daß diese wei-tere Arbeit gegen die erstere gerichtet wäre.Sondern die Bildung muß einen frühern Stoff