807
808
Friedrich Ludwig Georg von Räumer.
Friedrich Ludwig Georg von Räumer.
Kreuzig und Tod Friedrichs I.
Sieben Tage dauerte bei Kaliopolis dasUeberschiffen, vom 23sten bis zum 2!>sten Märzdes Jahres 1190. Man zählte 82,000 Pilger,darunter sieben Bischöfe, einen Erzbischof, zweiHerzöge, neunzehn Grasen, drei Markgrafenu. s. w. Friedrich selbst verweilte am europä-ischen Ufer, bis er sich überzeugt hatte, daßkeiner von den Seinen zurückblieb; dann rief er,Asien betretend, aus: „Lieben Bruder, seid ge-trost und voll Vertrauen, das ganze Land istin unsern Händen." Hierauf wurde das Heerneu geordnet und abgetheilt: Herzog Friedrichvon Schwaben führte den Vortrab, das Gepäckstellte man in die Mitte und brachte es, derbergigen Gegenden wegen von Wagen auf Last-thiere; der Kaiser deckte den Nachzug. Dennochbeunruhigten griechische Räuber, unbekümmertum die Versprechungen ihres Kaisers, die Pil-ger auf mancherlei Weise; wogegen diese ausFuttermangel nicht selten die grüne Saat ab-schnitten, und dadurch natürlich den Zorn derEinwohner erregten. So kam man unter Schar-mützeln bis nach Philadelphia in Lydien undbetrat bei Laodicea das türkische Gebiet.
Die Gesandien des seldschukischen SultansKilidsch Arstan von Jkonium, welche den Kai-ser schon in Europa begleitet, vor den Nach-stellungen der Griechen gewarnt und viel vonder Freundschaft der Türken geredet hatten,waren aller Bemühungen ungeachtet nicht imStande gewesen, die Kreuzfahrer von Asien ab-zuhalten, und verdoppelten jetzt, nach einemtiefer angelegten Plane, ihre Versprechungen.Friedrich verbot deshalb jede Gewaltthat, jedePlünderung in den Staaten des Sultans; unddie Kreuzfahrer wurden in Laodicea wirklich sozuvorkommend aufgenommen und so reichlichmit Lebensrnitteln versorgt, daß der Kaiser aus-rief: »hätten sich die griechischen Christen aufdiese Weise gezeigt, kein Blut wäre vergossenund unser großer Zweck schon erreicht worden."Wenn aber auch die Türken insgeheim damitumgingen, die Christen zu vertilgen, so ver-fuhren sie doch Hiebei keineswegs so thöricht, alsdie Griechen: sie hatten zu diesem Unternehmendringendere Veranlassungen und viel größereKräfte.
Im Vertrauen auf jene zuvorkommende Be-handlung der Einwohner und die Fruchtbarkeitdes Landes zogen die Pilger rasch vorwärts,ohne sich hinreichend mit Lebensmitteln zu ver-sorgen. Bald aber kamen sie in wüste, was-serlose Gegenden und die Noth nahm um soschneller überhand, weil alle Lebensmittel inabgelegene feste Plätze gebracht waren. Zudemumschwärmten beutelustige Türken das HeerLag und Nacht und griffen bald die Vorder-sten, bald die Hintersten, überall die Verein-
zelten an, konnten aber sehr selten zum Stehnund zum Kampfe gebracht werden. Nur ein-mal, als sie beim Aufbruche der Christen über-15 eilt ins Lager drangen, sielen sie in einen Hin-terhalt und wurden nachdrücklich geschlagen.Indeß schreckte dieser Unfall die andern keines-wegs von ähnlichen Versuchen ab und Fried-rich , der zeilher jeden Angriff vermieden hatte,20 um nicht bundbrüchig zu erscheinen, beschwertesich laut gegen die Gesandten des Sultans überdas Verfahren der Türken. Diese entschuldig-ten ihren Herren damit: daß er außer Standesei, alle die wilden, unstätcn, türkischen Stäm-25 me zu bändigen, deren Raublust oft ihn selbsttreffe, und deren Bestrafung ihm also gewißwillkommen sein werde.
Einstweilen beruhigt, zog nun das HeerNikopolis vorüber und gelangte durch unfrucht-30 bare Gegenden in ein enges Thal. Am Endedesselben erhob sich ein Berg, welchen HerzogFriedrich mit dem Vorderzuge rasch hinanzog,während das Gepäck und der Kaiser mir demNachzuge zurückblieb. Hiedurch entstand in35 der Mitte eine Lücke, in welche die Türken ein-drangen und zugleich das ganze Heer umring-ten. Aber der Kaiser führte mit der größtenAnstrengung die Pilger den Berg hinan, derHerzog eilte, obgleich ihm ein Stein mehre40 Zähne ausschlug, seinem Vater zu Hülfe unddie Türken wurden zurückgetrieben: jedoch erstnach einem harten Kampfe, weil selbst die Ver-wundeten und zu Boden Gestürzten noch Steineund Erdschollen auf die Christen warfen.
45 Zweifelhaft blieb es jetzt, welchen Weg maneinschlage» sollte: denn die Hauptstraße warvon den Türken so viel als möglich verderbtworden, und zur Rechten zeigten sich undurch-dringliche Wüsten; da führte endlich ein gefan-50 gener Türke das Heer links über die Berge ineine fruchtbare Ebene. Aber bei dem Hinabstei-gen von dem steilen Gebirge verlor man wie-derum viele Pferde und Gepäck, und die Ebenegewährte nicht die gehofften Erfrischungen, weil55 die leicht berittenen Türken alle Zufuhr abschnit-ten und nicht das mindeste ohne Gefecht zu ge-winnen war. Nie hatten die Pilger Ruhe, zuallen Stunden des Tages und der Nacht wur-den sie, bald durch Kriegsgeschrei, bald durch60 den Schall der Trompeten aufgeschreckt, und insechs Wochen konnten sie die Rüstung nicht ab-legen. Außerdem brach ein solcher Mangel ein,daß man sogar Pferdefleisch aß und Pferdebluttrank. Aber ungeachtet dieser schrecklichen La-65 ge hielt Friedrich strenge Mannszucht und be-strafte, selbst nach dem Zeugnisse seiner Feinde,jeden Frevel und jede Unzucht an den Gerin-geren, jede» Mißbrauch der anvertrauten Ge-walt an den Vornehmen. So strenge Mittel