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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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809-810
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Friedrich Ludwig Georg von Räumer.

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kamen indeß nur gegen wenige zur Anwendung;im allgemeinen zeigten die Pilger in Noth undGefahr eine fast unglaubliche Geduld und Aus-dauer. Einzelne, welche verzweifelnd zu denTürken übergingen und dem Christenthum ent-sagten, galten für keinen wahren Verlust, undder unverzagte Kaiser sprach: „wie konnten wirin solcher Gesellschaft glücklich sein? Die Fluchtjener Gottlosen ist eine erwünschte Reinigungdes Heeres!«

Um diese Zeit baten die Gesandten des Sul-tans, daß sie, von einem deutschen Ritter be-gleitet, den Befehlshaber der umherschweifendenTürken aufsuchen dürften, damit sie ihn womöglich durch Rath und Drohungen von wei-terer Belästigung der Pilger abhalten möchten.Gern bewilligte der Kaiser ihr Gesuch, aberweder die Gesandten noch ihr Begleiter kehr-ten zurück, und es hieß, sie würden mitGewalt von den Türken gefangen gehalten.Bald nachher offenbarte sich indeß der Verrath:am 14. Mai 1190 erblickte man das Heer desSultans von Jkonium, welches sich mit denumherschweifenden Türken vereint hatte undnach der geringsten Angabe 300,000 Mannstark war. Welch eine schreckliche Aussicht beider Minderzahl und der körperlichen Ermattungder Christen! Deshalb wandten sich alle Gedan-ken zum Himmel und der Bischof von Würz-burg ermähnte die Versammelten: „sie solltenHoffnung und Vertrauen nicht schwinden lassenund an das tröstliche Beispiel der heiligen Mär-tyrer gedenken; dann werde Gottes Geist undHülfe allen nahe sein.« Auch Friedrich sprachmit der Kraft und Festigkeit, welche ihn nieverließ, und erinnerte: daß nur der Tapfereauf Rettung hoffen könne, jeder aber, der dieGefahr fliehe, darin umkommen müsse.« — Dastimmten alle einmüthig den deutschen Kriegs-gesang an und kehrten, jedes Leiden vergessend,in ihre Zelte zu einer nur kärglichen Mahlzeitzurück. Mit dem Anbruche des Tages vertheil-ten die Bischöfe den Leib des Herrn und schnelltrat dann das Heer in Schlachtordnung.

Der feindliche Feldherr und Schwiegersohndes Sultans, Melech, wollte sogleich angrei-fen; aber einer seiner angesehnsten Rathgeberbrachte den Arm eines Türken in die Versamm-lung, welcher, trotz des starken Harnisches, voneinem Pilger abgehauen war, und sprach:„Herr, mit Männern, welche so großen Muthund so gewaltige Waffen haben, ist nicht gutin der Nähe kämpfen; wir werden eher durchZögern, Aushungern, Beunruhigen ihrer Mei-ster werden, als durch eine offene Schlacht.«Viele stimmten dieser Ansicht bei, aber Melechvertraute der Ucberzahl seiner Mannschaft unddrang auf eine schnelle Entscheidung. Sie wardihm zu Theil: denn mit solcher Gewalt durch-brachen die Christen alle Reihen der Türken,daß 10,000 von diesen auf dem Platze blieben,die übrigen nach Jkonium flohen, und Melechselbst, der mit dem Pferde gestürzt war, kaumsein Leben rettete. — Aber so großen Ruhmdieser Sieg auch den Pilgern brachte, sowenigwurde dadurch ihre äußere Lage gebessert: dennals beim Einbrüche der Nacht kein Feind mehr?u sehen war, und alle sich wieder um ihreFeldzeichen gesammelt hatten, befanden sie sich

in einer öden, wasserlosen Gegend, Lebensmit-tel fehlten gänzlich, und den entsetzlichen Durstlöschten manche mit dem Blute getödteter Pferde,oder nagten an ausgeriffenen Rasenschollen.Erst am folgenden Tage erreichte man einesumpfige Stelle und fand schlechtes Wasser undGras für die Pferde. Ohne Salz und Gewürzgekochtes Esels- und Pferdefleisch galt für eineschätzbare Labung, und weil es durchaus anHolz fehlte, so machte man Feuer von Sattelnund alten Kleidern.

Ueber alle diese Umstände wohl unterrichtet,erschien Melech und sprach zu dem Kaiser:„wenn ihr 300 Zentner Goldes, oder für jedenKreuzfahrer ein Goldstück bezahlt, so sollt ihrFriede haben und Lebensmittel erhalten;« Fried-rich aber antwortete: „es ist nicht,Sitte in un-serm Reiche, noch Sitte bei den Kriegern desKreuzes, sich mit Gelde einen Weg zu eröffnen.Mit dem Schwerte werden wir uns Bahn bre-chen, unter dem Beistande unseres Herr» JesuChristi. Wenn dir aber als Lösung für alleChristen, zur Vertheilung an alle Türken, eineinziger Byzantiner genügt, so will ich Befehlgeben, ihn dir auszuzahlen.« — Erzürnt sprachder hierauf abreisende Türke: „wenn ich in derNacht nicht zurückkehre, so erwartet um diedritte Stunde den Angriff des ganzen Heeres.«

Manche ergriff jetzt die höchste Besorgniß,sie nannten den ungebeugten Sinn des Kaisersnutzlose Halsstarrigkeit, sie drangen darauf sichrechts zu wenden und, unbekümmert um dieTürken und das feste Jkonium, in höchster Eilnach den Christlichen Landschaften zu ziehen.Andere hingegegen stellten vor: man könne, beidem Mangel an Lebensmitteln und den ringsumherschweifenden Türken, die zu entferntenchristlichen Besitzungen nicht erreichen, und derNoth ganz allein durch die Eroberung des, mitallen Borräthen versehenen Jkonium ein Endemachen. Friedrichs Ausspruch entschied für dieseAnsicht, er gelobte öffentlich dem um Hülfe an-geflehten heiligen Georg eine Kirche zu erbauen,und befahl mit fester, ruhiger Haltung: „mor-gen schlagen wir, unter Gottes Beistand, dasLager auf in den Gärten des Sultans und fin-den daselbst Erfrischungen in Ueberfluß. Nie-mand aber darf bei schwerer Strafe vor demvollständigen Siege plündern, Verwundete ver-binden, oder sich irgend einer Zögerung ver-dächtig machen.«

Melech kehrte nicht zurück und mit demAnbruche des Tages sahen die Pilger, wie sievon den Türken in einem Halbkreise umringtwaren. Aber das Geschrei derselben blieb, weilsie jeden ernsten Kampf vermieden, an diesemTage furchtbarer als ihre Waffen, und amAbend erreichten die Cbristen wirklich des Sul-tans Gärten und fanden in denselben Gras,Wasser und manche Lebensmittel. Kein Feindließ sich sehen, aber ein entsetzliches Gewitterund übermäßige Regengüsse störten die Ruheder Nacht. Mit dem Anbruche des Tages er-schienen türkische Gesandte und boten den Frie-den, ungewzß ob aus aufrichtiger Neigung,oder nur um Zeit zu gewinnen. Der Kaisererwiederte: „zuvörderst müsse sein Gesandter,welchen die flüchtigen Boten des Sultans mit-genommen hätten, aus der Gefangenschaft be-

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