819 Christoph Friedrich Schlosser. 829
und es wurde eine neue Generalvisitation ver-anstaltet. So fromm er war, hob er doch spä-ter seine frühere Verordnung, daß niemandSonntags später als bis um 9 Uhr Abends imWirthshausc sein sollte, wieder auf. Er ließnicht mehr die Gäste durch Patrouillen ausdem Gasthof treiben, weil das seinen Einkünftenschadete. In seinem Palast und in seiner Fa-milie hielt er übrigens auf dieselbe Ordnung,die er in Bürgerhäusern wollte beobachtet wissen.Aus Büschings Leben des Probst Rcinbeck, derdes Königs Vertrauen hatte, wissen wir, daßer eines Abends selbst an das Haus dieses Geist-lichen kam, um ein Billet abzugeben, worindem Probst aufgetragen ward, der Königin zusagen, sie möge nicht in Montbijoux Abends sospät Gesellschaft bei sich haben, der König könnees erfahren und übel nehmen- Rcinbeck wolltedem Beichtvater der Königin den Auftrag über-tragen: aber Possart, der Königin Beichtvater,wollte ihn nicht ausrichten: Rcinbeck mußte esalso zum großen Verdruß der Königin selbstthun.
Diese Manier des Königs machte ihn zummächtigen Schützer der Bürger gegen übermü-thige Junker. Das erklärte er selbst als ihmdie ritterschaftlichen Herrn eine französisch ab-gefaßte Vorstellung übergaben und er spöttischund lakonisch, deutsch, französisch und lateinischantwortete- Die vornehmen Säufer und Schul-denmacher, von denen alle Höfe damals vollwaren, durften sich bei Friedrich Wilhelm nichtsehen lassen, und die Junker mußten, so sehrsie widerstrebten, die Vorrechte des Mittelalters,die mit den Forderungen der neuen Zeit nichtzu vereinigen waren, aufgeben. Sie mußtenstatt der Stellung der Ritlerpfcrde eine regel-mäßige Abgabe entrichten, mußten die Ver-wandlung der Lehen in Eigenthum, womit sieAnfangs wegen der allerdings eigenmächtigaufgedrungenen Bedingungen nicht zufriedenwaren, sich gefallen lassen; sie mußten ihremAnspruch, die Domänen nach ihrer Art zu be-nutzen, entsagen; adlige Pachtungen hörten auf,damit bessere Bewirlhschaflung eintreten könne.Der König zeigte sich, wenn es Gerechtigkeitoder sein Gelointeresse galt, ganz unerbittlichund jede Rücksicht des Standes verschwand.Das zeigte er, als er den Sprößling der ältestenund angesehensten ritterschaftlichen Familie sum-marisch aufknüpfen ließ; er bewies es auch ge-gen seinen eigenen Sohn, den großen Friedrich,als ihn dessen allerdings anstößiger Lebenswan-del und Schulden ärgerte», und gegen dessenFreund von Kalt, der sterben mußte, obgleichdie ersten und würdigsten Herrn des Reichsseine nächsten Anverwandten waren.
Die Mode und die Damen entgingen der Poli-zei des Königs so wenig als der Adel. Er mißhan-Damen, die in einer seiner Meinung nachunanständigen Kleidung erschienen, wie er gegenMagde, die nicht weiter dienen wollten, einstrenges Edict ergehen ließ. Sogar die Arbei-ter seiner wcstphalischen Fabriken, so sehr ersonst Fabriken und Manufakturen beförderte,behandelte er wie Peter seine Russen. Peterschickte dem Könige große Leute für sein Regi-ment, der Köntg ließ Slahlschmicde aus der
Grafschaft Mark in Westphalen aufheben, vonMilitärposten zu Milirärposten, als wäre»es Verbrecher, an die Grenze transportirenund dort den Russen übergeben, um ihre5 Fabriken einzurichten. Auf dieselbe Weise be-stimmte er, ohne daß es ihm oder seinen Un-terthanen eingefallen wäre, dieses besonders aus-fallend zu finden, Mode und Kleidung und fo-lg gar den Preis des Getraides durch Gesetze.Was das Letztere angeht, so verbot er die Korn-einfuhr, auch wenn Mangel war. Man mußteihm nämlich das Getreide aus seinen Maga-zinen zu einem bestimmten Preise abnehmen,lg da er weder Wucher damit treiben, noch dabeiverlieren wollte. Was die Mode angeht, sowollte sein militärisches Auge nur Zöpfe sehen;Haarbcutel und eine gewisse bunte Kleidung derdamaligen Pariser Mode war ihm tödklich ver-2g haßt, niemand wagte in Berlin darin zu er-scheinen, und die französische Gesandtschaft warnicht wenig überrascht, bei einer großen Revuedie Pariser Tracht, in der sie erschien, an denProfoßen aller Regimenter zu erblicken, die auch25 alle mit Haarbeutcln versehen waren.
Schauspieler duldete Friedrich Wilhelm nicht,am wenigste» Italienische und Französische, diedamals alle Höfe bevölkerten. Er war allerPoesie Feind, war aber ein Muster bürgerli-3g cher Rechtlichkeit und Frömmigkeit.
Dabei läßt sich freilich nicht läugncn, daßder König von unruhiger Thätigkeit getrieben,und immer nach eignen Einfällen handelnd, mch-rentheils mit der einen Hand wieder ausriß,35 was er mit der andern gepflanzt hatte. Erverschönerte z. B. Berlin, Potsdam und andereStädte, oder baute sie vielmehr ganz neu, gabselbst Geld und Materialien her, und ließ auchan manche» Orten auf seine Kosten den Ber-4g liner und Potsdamer Morast zu Bauplätzeneinrichten; allein er theilte zugleich Morast zumausfüllen, Plätze zum bauen ganz willkührlichaus, man mußte bauen, ohne daß auf Gründeoder Gegenvorstellungen Rücksicht genommen45 ward. Er richtete gar manchen wacker» Die-ner durch den ihm auferlegten Hausbau zuGrunde, oder gab ihn dem boshaften und ei-gennützigen Mann preis, dem er die Leitungdes Bauens überlassen hatte. Dasselbe war der5g Fall mir dem Landbau, den Manufakturen,dem Handel, die ihrer Natur nach niemals mi-litärisch gefördert werden können. Der Königförderte die Schaafzucht, Wollhandel, Verfer-tigung wollner Tücher, er opferte Capitalien55 auf und bewirkte dadurch, daß später auch an-dere Unternehmer mit Vortheil Fabriken anle-gen konnten, und daß eine Betriebsamkeit an-geregt ward, die vorher den trägen Märktenganz fremd war; allein auch hier schadete ergg auf der einen Seite, wenn er auf der andernnützte. Er hatte einen Zorn auf die Baum-wolle gefaßt, und verbot deshalb nicht bloß allebaumwollenen Zeuge, sondern forderte, daß in-nerhalb eines gewissen Termins aus den Läden65 und aus dem Handel, und sogar aus allen Pri-vathäuscrn und aus dem Gebrauch Alles ver-schwinden solle, was aus Baumwolle verfertigtsei; und es ward Haussuchung angestellt undjede Uebertretung strenge bestraft, Der Ge-