821 Christoph Friedrich Schlosser. 822
neralsiskal und viele Beamte sahen das Ver-kehrte und Wunderliche dieser Maßregel ei»,und führten sie nicht nach der Strenge durch;dies merkte der König und zugleich wurde ihmgesagt, daß unter seinen Grenadieren einer sei,der einmal die Rechte studirl habe, und darinnicht ungeschickt sei. Alsbald ward zu allerWell Erstaunen dieser Grenadier Generalfiscal,und ermangelte nicht, sich als solcher geltendzu machen. Er verordnete eine Generalvisita-lion nach Eattun, nicht bloß in Berlin, son-dern in allen preußischen Landen; und dieseDurchsuchung aller Häuser, das Ausschließe»aller Thüren und geheime» Gewölbe dauertezum großen Schrecken der Bürger eine gerau-me Zeit fort, ehe das Gencraldirektorium, oder,wie wir uns ausdrücken würden, das Staats-ministerium sich erdreistete, dem Könige Vor-stellungen zu thun, und Gehör fand. Die Ge-neralvisitation ward eingestellt, der Grenadier-fiscal aber blieb im Amte, und quälte undneckte auch nachher die angesehensten Personen,obgleich er selbst in der Zwischenzeit ebenfallseinmal geschloffen aus die Hauptwache gebrachtward. Daß eine solche Art Regierung undPolizei in allen teutschen Staaten ganz gewöhn-lich war, konnte für die teutsche Bildung undfür den täglichen Verkehr des Lebens nicht vor-thcilhaft sein. Nimmt man nun die Universi-täten und ihre Gemeinheit, für Geld und nurum des Geldes willen lehrende Pedanten, Lands-mannschaften, Renomistcn, unmäßiges Saufenund Toben, und eine Literatur, die diesem Ge-lehrtenwesen angepaßt war, hinzu, so wird mansehr begreiflich finden, daß jede etwas feiner or-ganisirte Natur vor teutschem Leben und teut-schen Büchern zurückbebte, und sich der fran-zösischen zuwendete. Was Soldaten und Armeeangeht, so ward Friedrich Wilhelm durch seinekindische Lust an langen und geputzten lebendi-gen Spielpuppen, zum Abscheu und zum Ge-spött seiner und der folgenden Zeit. Doch läßtsich nicht leugnen, daß wir es seiner Lust anSoldaten und seiner Sparsamkeit verdanken,daß hernach Nordteutschland unter seinem Sohneden großen Kamps gegen die Finsterniß und gegenden blinden Despotismus, im Felde und imKabinet, so rühmlich bestand. Er hatte näm-lich neben seinen Flügelmännern, die aus Riesenbestanden, und der sogenannten PotsdamerWachtparade, die sich ebenfalls nur durch Kör-pergröße auszeichnete, nach und nach ein Heervon siebenzigtauscnd Mann gebildet, dessen Dis-ziplin sehr streng war, dessen Uebungen von denbesten Taktikern in Europa, von Leuten, diesich im Erbfolgekricg gebildet halten, geleitetwurden. Die Soldaten hob der König nichtbloß mit Gewalt in seinem Lande aus, ohne,wenn sich jemand durch Körpergröße auszeich-nete, auf Verhältnisse, Stand, BeschäftigungRücksicht zu nehmen, sondern er hatte einenförmlichen Mcnschcnkauf und Menschenraub ein-gerichtet. Er nahm Reisende weg, er entführteSoldaten, die in fremden Diensten standen. Ergerielh mit den Holländern, denen er sonst sehrgewogen war, in eine offene Feindschaft , weilsie seine Werber nicht duldeten, und die Ent-führung ihrer Soldaten durch Hinrichtung desOffiziers rächten, der sie ausgeübt halte- Auch
Baiern und die bischöfliche Regierung in Aich-städt wollte seine Menschenräuber nicht dulden;andere Staaten benutzten seine schwache Seite,und gewannen ihn durch Rekruten. Aus Oe-5 sterreich, aus Sachsen, aus Mecklenburg, wur-den dem Könige groß gewachsene Männer zu-geschickt, als wenn man in Europa über Men-schen verfügen könne, wie in Afrika darüberverfügt wird; Peter lieferte regelmäßig eine10 nicht unbedeutende Zahl, und erhielt dagegenvom König von Preußen Fabrikanten, geübteUnteroffiziers, Ingenieurs. Da er für dieSpielerei der Potsdamer Wachtparade unge-heure Summen aufwendete, und einzelne Leute15 mit vielen Tausend Thalern bezahlte, da beiden mehrsten Regimentern jährlich sechszehn bisachtzehn tausend Thaler Werbegelder aus demLande gingen, und die ganze Summe der fürWerbung ins Ausland gezahlten Gelder wäh-20 rend seiner Regierung, mehr als zwölf Millio-nen Thaler betragen habe» soll, so wird manfragen, woher das Geld kam, da der Königaußerdem noch einen bedeutenden Schatz sam-melte? Die Beantwortung dieser Frage zeigt25 uns das Leben jener Zeit von einer neuen Seite;wir wollen also darüber ausführlicher sein.Der König bestritt diesen Aufwand aus einersogenannten Rekrutenkasse, worin alle Straf-gelder, alle Sporteln der Ausfertigung der An-30 stellungsdiplome, ganz besonders aber der Er-trag des Verkaufs der Stellen und der Titelzusammenfloß. Da der König das Rang- undTitclwese» wie das Ceremonie!, die Etikette,das Kanzleiwrsen als kräftiger Mann aufs tief-35 sie verachtete, und diese Verachtung durch Re-skripte und auf jede andere Weise kund gab;so war er nicht Ursache des Mißbrauchs, Titelund Rang zu kaufen, sondern er benutzte nurdie Thorheit seiner Unterthanen für seinen Zweck.40 Da man für eine Summe von 3-600 Tha-lern alle verschiedenen Titel kaufen konnte, sodenkt man sich leicht, welcher Zudrang zu Ti-teln in jener titclsüchtigcn Zeit erfolgte, undwelche Einnahme die Rekrutenkaffe der allen ge-45 selligcn Verkehr störenden Rangsucht verdankte.
Trauriger als der Verkauf der Titel unddes Ranges war der Verkauf der Stellen, derdamals leider in den mehrsten teutschen Staa-ten , wenn auch nicht auf die traurige Weise,50 wie in Preußen, getrieben ward. In Hamburgund in der Pfalz ging man in Verkauf allerStelle» endlich so weit, daß man nicht alleindie Stellen selbst, sondern sogar die Aussichtund Hoffnung auf den Tod der Inhaber lange55 vor der Eröffnung verkaufte. Was Preußenangeht, so berichtet uns Faßman, daß Sackträ-ger, denen ihre Stelle nicht mehr als zehnThaler monatlich eintrug, sechshundert Thalerzahlten, um sie zu erhalten. Eine Zöllnerstelle,00 deren Einnahme monatlich sieben Thaler war,berichtet er, ward einmal öffentlich ausgebotc»,und auf achthundert Thaler getrieben, zum gro-ßen Erstaunen der Räthe der königlichen Kam-mer. Was man auf diese Weise oft für Leute65 zu den Stellen erhielt, sagt uns Friedrich Wil-helms Lebensbeschreiber, wenn er uns die Kunstseines Königs rühmt, das lange gesparte undverborgene Geld der Unterthanen in seine Kassezu bringen.