835 Karl August Lanihagcn von Ense. 83t,
Nähe; er ernannte ihn zum Generalmajor vonder Reiterei und übertrug ihm sogleich diewichtigste Wirksamkeit bei seinen kriegerischenAnstalten. Derfflingers kundige Thätigkeit ent-sprach dem neuen Berufe mit raschem Erfolg;seine alte Bekanntschaft unter dem Kricgsvolk,das ehmals bei den Schweden gedient, ver-schaffte dem Kurfürsten viele tüchtige Offiziere,sein Name wie seine Maßregeln förderten dieWerbungen, die zur schleunigen Vermehrungder Truppe» angeordnet und insgesammt seinerLeitung vertraut waren. Der schon früher ge-legte Kern einer Kriegsmacht erwuchs jetzt inkürzester Zeit zu einem stattlichen Heere, dessenStärke, Ordnung und Ausrüstung alle Weltin Erstaunen setzte. Im April 1655 hatteder Kurfürst 26,800 Mann unter den Waffen,sowohl Reiter als Fußvolk, über welche derFeldzeugmeister von Sparr den Oberbefehlführte. Das schwere Geschütz bestand aus mehrals 50 Stücken, worunter einige Haubitzen,und ein Theil war schon im voraus, bei nochunversperrten sichern Wegen, nach Preußen ab-geführt worden.
Zm September des genannten Jahres zogder Kurfürst an der Spitze von 8000 Mann,größtentheils Reiter, von Berlin nach Preußen,um seine Länder gegen die gewaltsamen Durch-zöge und Einbrüche der Schweden zu beschützen,deren steigender Uebermuch bisher alle Ver-handlungen getäuscht, und die schlimmsten Be-sorgnisse für die Zukunft erweckt hatte. Untervielen Mühsalen behauptete der Kurfürst hiersein von allen Seiten gefährdetes Ansehen,denn nicht nur die Schweden, sondern auch diePolen, und selbst die Preußen, deren gemischtesUnterkhanenverhältniß sich ungern dem EinenOberherrn bequemte, machten seine Lage höchstschwierig. Als aber jede Vermittlung zumFrieden fehlschlug, von dem Kaiser FerdinandIII. weder Hülfe noch Entschluß zu hoffen blieb,die Polen selbst feindselige Streifzüge in dasbrandenburgische Gebiet ausführten, und zwi-schen ihnen und den Schweden länger unent-schieden zu stehen unmöglich wurde, glaubte derKurfürst dem Dränge der Umstände nachgebenzu müssen, und schloß im Juni des Jahres1656 mit Schweden ein Bündniß, zufolgedessen die brandenburgischen Truppen am Ein-flüsse des Bug in die Weichsel sich mit denschwedischen vereinten, und das gesammte Heersogleich gegen Warschau vorrückte. Hier liefer-ten Karl Gustav und Friedrich Wilhelm mit16,000 Schweden und Brandenburgern gegen40,000 Polen am 18., 1!). und 20. Juli dieberühmte dreitägige Schlacht, welche mir dervölligen Niederlage Johann Kasimirs endeteund die uebergabe von Warschau zur Folgehatte. Der Heldenmulh des Kurfürsten, dieKriegskunde seiner Generale und die Tapferkeitseiner Truppen leuchteten glänzend an diesenTagen hervor, sie hatte» den größten Antheilan dem hartbestritlenen Siege. Auf beidenSeiten des Kampfes war die Hauptstärke indieser Schlacht Reiterei, die Waffe Derfflingers,der den Ruhm seiner alten Kriegslhaeen hierdurch neue bewährte, und jetzt an der Seiteder Schweden wie einst in ihren Reihen focht.Sein Antheil an der Schlacht wurde noch durch
besondere Hervorthuung ausgezeichnet. Er über-fiel das feste Kloster Prement, das durch um-gebende Sümpfe gegen solchen Angriff völliggesichert schien, mit seinen Reitern so unerwar-5 ret und rasch, daß die polnische Besatzung von300 Mann, ohne Wahl zwischen Flucht undGegenwehr, im ersten Augenblicke zusammen-gehauen war. Auf gleiche Weise nahm erspäter an der Grenze von Schlesien das Städt-10 chen Pomst ein, wo 600 Polen ums Lebenkamen. Der Kurfürst entsandte ihn sodanngegen den polnischen General Czarnecki, derdurch wilde Streifzüge die Neumark und Pom-mern verheerte, und kaum erschien Derfflinger15 mit weniger Mannschaft im Felde, als auchschon die zahlreichen Räuberschwärme vor seinerUeberlegenheit verschwanden. Der Kurfürst er-nannte ihn nach der Schlacht von Warschauzur Belohnung seiner ausgezeichneten Dienste20 zum Generallieutenant, und im folgenden Jahrezum wirklichen Geheimen Kriegsrath.
Friedrich Wilhelm wußte die Erfolge seinerWaffen für seine Staatszwecke wohl zu nutzen.Den Hohn vergessend, mit welchem der König25 von Polen seine Friedensvermitllung abgewie-sen, vermied er, den Untergang desselben nachder Schlacht bei Warschau durch rasche Ver-folgung zu vollenden. Er erneuerte vielmehrsogleich wieder seine Friedensbemühung, und30 wandte die Truppen rückwärts, um die eignen,gegen Freund und Feind entblößten Staatendurch seine sichernde Nähe kraftvoller zu be-schützen. Die Wichtigkeit des Beistandes, wel-chen die Schweden in diesem Feldzugc durch die35 Brandenburger empfangen, und das dringendeBedürfniß, solcher Hülfe in den kommendenEreignissen ferner theilhaft zu bleiben, machtenden König Karl Gustav geneigt, die bisherwenig beachteten Forderungen Friedrich Wil-40 Helms näher zu berücksichtigen. Schon früherhatte er dem Kurfürsten den Besitz beträchtli-cher Landeslheile von Polen und den Titeleines Königs von Großpolen lockend vorgespie-gelt; allein Friedrich Wilhelm, durch den Glanz45 der unsicher» Würde nicht geblendet, suchte zu-verlässigern Gewinn, und bestand auf Aner-kennung seiner unabhängigen Oberherrlichkeit imHerzogthume Preußen, die denn auch wirklicham 10. November 1656 durch den Vertrag von50 Labiau, in welchem Karl Gustav auf alle bis-herigen Rechte und Ansprüche von Seite Schwe-dens verzichtete, förmlich ausgesprochen wurde.Gemeinsam führten die beiden Fürsten nunmehrden Krieg in Polen fort; jedoch ohne bedeulen-55 den Erfolg, und von Seiten des Kurfürstenblieb stets die Neigung zum Frieden sichtbar.Allein Karl Gustav hatte Eroberungsplane, dieer nicht sobald aufzugeben dachte, und die Be-sorgnisse, welche sein Ehrgeiz weckte, riefen ihm60 neue Gegner ins Feld. Vergebens bemühtesich der Kurfürst, die größere Verbreitung desKrieges abzuwenden, Friedrich III. König vonDänemark, Leopold König von Ungarn, dersodann deutscher Kaiser wurde, und Alexei Czar65 von Rußland, griffen gegen Schweden zu denWaffen. Karl Gustav nahm schnell seinen Ent-schluß, und wandte mit Ungestüm seine ganzeMacht zunächst gegen Dänemark. Hierdurchaber gab er Polen und Preußen völlig preis.