837
Karl August Naruhageu von Euft.
838
und überließ dem Kurfürsten, sich wie irgendmöglich aus der Verwicklung zu ziehen. Die-ser, unfähig mit eigner Kraft allein so großemAndränge zu widerstehen, auch gar nicht geson-nen, die Waffen gegen den Kaiser zu führen,schloß unter Zustimmung seines Verbündetenam 10. September 1657 durch den Vertragvon Welau mit Polen einen vorläufigen Frie-den, in dessen Folge ihm auch von dieser Seitedie völlige Oberherrlichkeit in Preußen zuge-standen und anerkannt wurde. Allein der Kur-fürst sah die Gefahr, zwischen den kriegführendenMächte» vereinzelt dazustehen, und fühlte dieNothwendigkeit, als Verbündeter auf der einenoder der andern Seite mitzuwirken. Dem Zugeder Begebenheiten folgend, schloß er demnachein neues Bündniß mit dem Könige von Polen,dem deutschen Kaiser und dem Könige vonDänemark, nicht ohne Hoffnung, daß schon dasAuftreten eines solchen Machtvereins den Kö-nig von Schweden ohne Schwertstreich zu ge-mäßigten Friedensvedingungen bewegen würde.
Indeß war Karl Gustav bereits in Däne-mark eingebrochen, ging über das Eis nach denInseln Fühnen und Seeland, und zwang dieDänen im Februar 1658 zu dem Frieden vonRothschild- Nach wenige» Monaten aber, alsDänemark den Frieden nicht rasch genug zuerfüllen schien, führte er schnell seine Truppenzum zweitenmal nach Seeland, und griff un-vermulhet Kopenhagen an. Seine Eroberungs-absichren schienen für alle Nachbarstaaten, auchinsbesondere für Brandenburg gefährlich. DerKaiser, der König von Polen und der Kur-fürst Friedrich Wilhelm eilten daher dem Kö-nige von Dänemark mit vereinter Heeresmachtzu Hülfe, die Holländer mit einer Flotte, durchderen Beistand er sich in seiner Hauptstadttapfer vertheidigte. Der Kurfürst erhielt denOberbefehl über die verbündeten Truppen, undguig mir beträchtlicher Reiterei, worunter 3000Kaiserliche Kürassiere, durch Mecklenburg vor-aus; indem Las Heer, über 24,000 Mann stark,langsam nachfolgte. In seiner Begleitung wer-den die Generale von Sparr, Derfflinger, FürstJohann Georg von Anhalt-Dessau, von Golz,von Quast und von Pfuhl namentlich ange-führt. Er vertrieb die Schweden aus Holstein,legte Besatzungen nach Gollorp und Lönnin-gen, ging dann vollends über die Eider, undnahm Winterquartiere in Jütland. Im fol-genden Jahre 1650 waren die verbündeten Waf-fen gleichfalls im Vortheil, doch mißlang einVersuch gegen die Insel Fühnen, und nur diekleine Insel Fennöe wurde genommen. Wäh-rend in Dänemark die Hauptmacht der Krieg-führenden beschäftigt war, wurde auch in Preu-ßen gefochten, und ein neuer Schauplatz eröff-nete sich dem Kampfe in Pommern, wohin derKaiser, gegen den Wunsch des Kurfürsten, derungern den Krieg an seine verletzbarste Grenzeziehen sah, „och ein besonderes Heer von 14,000Mann unter den Generalen Graf des Touchesund Graf Richard von Starhemberg aus Schle-sien vorrücken ließ, an welche sich unter demGeneral Grafen von Dohna 2000 Mann bran-denburgischer Fußvölker anschlössen. Grciffen-hagen und Damm, Kami» und Wollin wurdenden Schweden entrissen, und darauf die Bela-
gerung von Stettin unternommen. Was derKurfürst gefürchtet hatte, geschah; der Königvon Schweden sandte eine beträchtliche Truppen-macht unter Karl Gustav von Wrangel von5 Fühnen nach Stralsund, um dem neuen An-griffe zu begegnen. Run mußte auch FriedrichWilhelm mit einem Theile seiner Truppen ei-ligst aus Jütland aufbrechen, um seine Ländernicht unvertheidigl zu lassen, und so wandte10 sich die Stärke des Krieges immer mehr undmehr nach Pommern. Der Kurfürst eroberteauf seinem Zuge die Schanze von Warnemündebei Rostock, erzwäng den Paß und das Schloßbei Tribbesees, drang hierauf in Pommern ein,,g schlug die Schweden in einem heftigen Schar-mützel bei Stralsund, und sah sich bald im Be-sitze von Damgarten, Loitz und Demmin. EinUnternehmen gegen Greisswalde scheiterte je-doch, und Wrangel nahm durch Ueberfall die->0 Insel Uesedom, von wo er die Oder hinauf1000 Mann Fußvolk und 600 Reiter nachStettin sandle, durch welche Verstärkung dertapfre Befehlshaber Paul Würz in Stand ge-setzt wurde, die Kaiserlichen zur Aufhebung der25 sechswöchentlichen Belagerung zu zwingen. Wäh-rend hier Gewinn und Nachtheil der Streiten-den sich ziemlich die Wage hielten, erfolgte aufeiner andern Seite unvermuthel ein entschei-dendes Ereigniß. Die Verbündeten hatten ihreLandung auf Fühnen bei wiederholtem Versucheglücklich bewerkstelligt, und erfochten am 14.November in der Schlacht von Ryborg überdie Schweden einen vollständigen Sieg, an wel-chem die brandenburgischen Regimenter unter65 dem General von Quast, welcher den rechtenFtügel der Schlachtordnung befehligte, den wirk-samsten Antheil hallen. Man bezog hierauf dieWinterquartiere, und sah mit dem Frühjahr-neuen Ereignissen entgegen, als durch den un-40 vermutheten Tod Karl Gustavs am 12. Februar1660 die unter französischer Vermittlung schonbegonnenen Friedensverhandlungen neue Aus-sicht gewannen, und am 1. Mai zu Oliva zwi-schen Polen und Schweden durch einen Ver-45 trag, worin auch Friedrich Wilhelms Ober-herrlichkeil in Preußen von beiden Theilen neubestätigt wurde, glücklich zum Schlüsse kamen.Aus dem Kampfe, welchen der Kurfürst in solchschwierigen Verwicklungen so geistesmulhig als50 heldenkräslig zu bestehen gewußt, ging der ei-gentliche Kern der künftigen freien Größe despreußischen Staates hervor. Bisher war FriedrichWilhelm, gleich seinen Vorfahren, mir seinenStaaten nur belehnt, in Deutschland von Kai-55 ser und Reich, in Preußen von Polen oderSchweden. Der Fürst aber, der in einem Theileseiner Staaten nun selbstherrlich geworden,mußte die Wirkung dieses neuen Verhältnissesbald auch in dem Ganzen wiederfinden, und je60 weniger das deutsche Reich i» seiner mangel-haften Verfassung dem Zweck eines ächten Bun-deskörpers genügte, desto stärker mußte dieKraft der einzelnen Glieder sich ablösen undin Selbstgestaltung entwickeln.
65 Die ganze Folge dieser thalenreiche» Bege-benheiten erhob den Ruhm und das Ansehn desbrandenburgischx,, Heeres, ohne aus dessen Rei-hen die Namen einzelner Anführer neben demFeldherrnglanze des Kurfürsten selbst besonders