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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
839-840
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Karl August Barnhagcu von tKnse.

emporbalten zu können. Wir finden auch Derff-linger nur eben genannt; einem abgesondertenTruppentheile hat er in diesen Feldzügen schwer-lich vorgestanden, ihm war in der unmittelba-ren Nähe um den Kurfürsten und in dessenpersönlichem Vertrauen ein anderer Antheil anden Ereignissen beschicken, dessen Werth undVerdienst in die Wirksamkeit höherer Leitungunpersönlich übergeht, sich mit derselben unzer-trennlich verstößt, und nur von dem einge-weihten Kenner vollkommen gewürdigt werdenmag. Als dieser würdigende Kenner muß hiervor Allen der Kurfürst erscheinen, der inmittendes Kriegslauses im Jahre 1658 Derfflingernzum Feldzcugmeister beförderte, und dieser Um-stand ist zwar der einzige, aber auch ein ent-scheidender, in welchem der Ruhm unseres Hel-den während dieser Feldzüge namentlich hervor-leuchtet.

Nach dem Frieden von Oliva genoß Bran-denburg zwölf Jahre fast ungestörter Ruhe.Der Kurfürst wurde durch weise Sorgfaltund kluge Thätigkeit im Frieden wiederumder väterliche Pfleger seines Landes, wie er imKriege dessen Vertheidiger gewesen. Alles ge-dieh und blühte in dieser glücklichen Zeit seinerRegierung. Das Kriegswesen wurde dabei nichtaußer Acht gelassen, er behielt eine gute Anzahlvon Truppen in wohlgerüstctem Stande unterWaffen; auch die wirkliche Uebung des Kriegesfehlte in dieser Zeit nicht ganz; denn einigetausend Brandenburger zogen dem Kaiser Leo-pold und dem Könige Michael von Polen gegendie Türken als Hülfsvölker zu. DerfflingersThätigkeit fand in den vielfachen Anordnungen,deren ein gerüsteter Zustand unaufhörlich be-darf, ein weites Feld; er hielt eine ansehnlicheKriegskanzlei zur Betreibung der gewöhnlichenGeschäfte; das Vertrauen, dessen ihn der Kur-fürst unausgesetzt würdigte, gab seiner Stimmein allen außerordentlichen Angelegenheiten einbedeutendes Gewicht. Neben den Staats- undAmtsarbeiren halte Dcrfflinger auch in seinenhäuslichen Verhältnissen während dieser Zeitvielfache Anregung. Seine Gattin starb, undhinterließ ihm eine Tochter und den Besitz an-sehnlicher Rittergüter. Er verheirathete sichim Jahre 1662 zum zweitenmalc, mir einemFräulein von Beeren, aus einem gleichfalls alt-adelichen, aber wenig bemittelten märkischenGeschlecht; Neigung und Wohlgefallen warenhier ausschließlicher, als bei der ersten Vermäh-lung vielleicht scheinen konnte, die Bestimmungs-gründe seiner Wahl. In dieser, wie in derfrüheren Ehe, genoß er ein ungestörtes Fami-licnglück. Der Verwaltung, Benutzung undVerschönerung seiner Güter widmete er diethätigste Fürsorge; er unternahm auf denselbenweitläustige Anlagen und große Bauten. ImJahre 1666 feierte er auf Gusow, seinem aus derFamilie von Schaplow ererbten Hauptgute,den Antritt seines sechzigsten Lebensjahres, underbaute daselbst, zum Gedächtniß einer so glück-lich zurückgelegten Laufbahn, eine stattlicheKirche: in dieser bestimmte er auch, des Todesgern eingedenk, seine künftige Grabstätte, vonder ihn jedoch ein reiches und rüstiges Lebennoch lange trennen sollte. Auf demselben Gute,seinem Lieblingsaufenthalte, legte er die schön-

sten Gärten an, welche bis in später Zeit dieBewunderung der Besuchenden waren. In die-ser Neigung für Anpflanzungen und Gartenbau,worin der Kurfürst den Großen seines Hofes5 mit ermunterndem Beispiel voranging, zeigteDerfslinger so lebhaften Eifer, als einsichtsvollenGeschmack, und durfte sich dabei der Vortheileerfreuen, welche der Kurfürst durch Mittheilungvon Sämereien und jungen Pflanzen, die er,10 zum Theil durch seine Gesandtschaften, ausHolland, Frankreich, England und Italien kom-men ließ, seinen Umgebungen begünstigend zu-wandte. Noch vor Ausgang der Friedensruhe,am 18. Februar 1670, erhielt Derfslinger, in15 Anerkennung seiner vielfachen Verdienste umdas Heer, die höchste Würde in demselben, erwurde zum Feldmarschall ernannt, und bliebseitdem als der Nächste nach dem Kurfürstendem gesummten Kriegswesen leitend vorgesetzt.20 Unter den brandenburgischen Regimentern ge-hörten drei, von dreierlei Waffengattung, Rei-terei, Fußvolk und Dragoner, ihm als Inhabernamentlich an, eine Auszeichnung der Ehre unddes Vertrauens, die in solcher Art sich selten25 wiederholt finden mag.

Ludwig XIV. war durch die kraftvolle Ge-genwirkung der Holländer und Engländer, welcheseinen Erobcrungsabsichten auf die spanischenNiederlande ein Ziel setzte, zu dem Frieden von30 Aachen genöthigt worden. Er sann seitdemeinzig auf Rache gegen die Holländer. Zu die-sem Zwecke verband er sich mit Karl ll. vonEngland, der seinem Volke zuwider diese Ver-bindung einging, und suchte auch den Kurfür-35 sten von Brandenburg durch lockende Anerbietenzur Theilnahme zu bewegen. Doch sein Ge-sandter, der Fürst von Fürstenberg', fand inBerlin mit seinen Vorschlägen kein Gehör.Friedrich Wilhelm, durch Bande des Bluts und40 der Freundschaft mit dem Hause Oranien, durchStaatsrücksicht mit der holländischen Republikfest verknüpft, wagte dem gewaltigen Königevon Frankreich zu widerstehen. Ihn schrecktenicht, daß der Kurfürst von Köln und der45 kriegerische Fürstbischof von Münster, Bernhardvon Galen, die sich mit ihm noch kurz vorherzum Schutze Hollands verbündet, plötzlich aufdie Gegenseite traten und Frankreichs Verbün-dete wurden. Schon hatte Ludwig XIV. im50 Mai des Jahres 1672 die Republik zu Wasserund zu Lande angegriffen, mir seinen Truppen,in reißenden Fortschritten, einen großen Theilder holländischen Provinzen überschwemmt, undAmsterdam selbst in dringende Gefahr gebracht;55 schon mußte diese Stadt und mir ihr die ganzeRepublik verloren scheinen, als in dieser äußer-sten Noth der Kurfürst von Brandenburg groß-müthig ihr Retter ward. Ganz Europa lagnoch erschreckt in dumpfer Betäubung ob des60 raschen französischen Einbruchs, als FriedrichWilhelm im Juni des genannten Jahres mitHolland ei» Bündniß abschloß, und gegen Lud-wig sogleich die Waffen ergriff. Diese Thatallein verdiente schon dem Kurfürsten den Na-65 men des Großen; Entschluß wie Ausführungzeigten den Hcldenfürsten; für das Recht undfür die Freiheit trat er unverzagt a» die Spitzevon 20,000 Mann in den Kampf gegen Lud-wigs ungeheure Macht. Seinem Beispiele folgten