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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
843-844
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Karl August Varuhagrn von Euse. 844

auch die drei Regimenter von Derfflinger, überMagdeburg und das Gichsfeld durch den Thü-ringer Wald nach dem Main, ging bei Schwein-furk über, und stieß bei Heilbronn mit denKaiserlichen und Reichstruppen zusammen, dieunter Bournonville's Befehl sich längs desOberrheins ausdehnten- Dem Kurfürsten warzufolge geschlossener Uebereinkunft der Oberbe-fehl dieser gesammten Heeresmacht übertragen,sein Handeln aber von der Zustimmung einesKriegsralhes abhängig, in welchem die Kaiser-lichen Generale die Mehrheit ausmachten. DieUnternehmungen des Feldzugs sollten zunächstgegen Elsaß und Lothringen gerichtet sein.Allein Bournonville trat mit geheimen Absich-ten, wie früher Moniecuculi, hemmend zwi-schen alle besten Anschläge. Durch sein Ver-schulden hatten die lüneburgischen Truppen we-nige Lage vor des Kurfürsten Ankunft amOberrhein ein blutiges Treffen bei Ensisheimverloren, ohne daß er sich zu ihrer Hülfe geregthätte. Der alte General Caprara höhnte scher-zend, Bournonville habe die Lüneburger etwaswarm werden lassen, die Brandenburger kämeneben zu rechter Zeit an, um nun auch ihrTheil zu holen. Unter den Truppen herrschteMißmuth, Zwietracht und Hader unter denGeneralen. Der Kurfürst hoffte, diese Uebelwürden in kriegerischer Thätigkeit leichter schwin-den, und ging bei Straßburg über den Rhein.Bournonville betrug sich abscheulich ; man mußteihn mit dem Feinde im besten Vernehmen glau-ben. Die Brandenburger blieben vier Tageohne Brod, während die Kaiserlichen, denendie Anstalten der Verpflegung oblagen, an allenLebensrnitteln Ueberfluß hatten. Nachdem derKurfürst durch eigne Anschaffungen der Nothabgeholfen, führte er, nicht ohne Gegenrede,am 8. Oktober das Heer, jetzt 50,000 Mannstark, über die Preusch gegen den Feind, undstellte dasselbe auf einer sanfte» Hervorragungdes Bodens, nicht weit von dem Lager Tu-renne's, der kaum 18,(All) Mann hatte, in vor-theilhafte Schlachtordnung. Weiter vorzugehnoder gar anzugreifen, wollte Bournonville durch-aus nicht gestatten- Derfflinger indeß sprengtemit einigen Reitern zu einem Hügel vor, derdas tiefergelegene französische Lager näher über-überschauen ließ. Weil Bournonville von einemvorliegenden Graben und mehreren Steingru-ben als unübersteiglichen Hindernissen einesVorrückens zum Angriff viel redete, ließ derKurfürst durch seine Leute sogleich den Wegebenen und über den Graben mehrere Brückenwerfen. Da nach Aussage einiger eingebrachtenGefangenen der Feind die Nähe des verbünde-ten Heeres noch gar nicht wissen sollte, so gabder Kurfürst ihm durch drei Kanonenschüsse dieKunde seiner Anwesenheit und die Herausfor-derung zur Schlacht; allein es blieb alles still.Nur Bournonville gerieth in Aufwallung undmachte dem Kurfürsten Vorwürfe, auf solcheWeise werde es noch dahin kommen, daß mansich schlagen müsse. Nun kam Derfflinger zu-rück, und berichtete, die feindliche Stellung,obwohl sonst Vortheilhast genug, sei doch leichtangreifbar, wenn man die Nächstliegenden Hü-gel besetze, und von dorr her die französischenLagerreihen mit schwerem Geschütz in die Seite

fasse. Die Kaiserlichen Generale, deren keinersich von der Stelle gerührt, wiesen den Vor-schlag als unausführbar schnöde von der Hand,und meinten, man müsse wenigstens bis zum5 folgenden Tage warten, und sich unrerdeß ver-schanzen. Derfflinger betheuerte, man verlieredie schönste Gelegenheit, den Feind aufs Hauptzu schlagen, und stellte den Vortheil, welchenUebermacht der Truppen und Oertlichkeir desli) Bodens den Verbündeten sicherten, lebhaft vorAugen, doch da er alles vergeblich bleiben sah,vermochte er sich nicht länger zu halten, undging in höchstem Zorne aus dem Kxiegsralheweg. Am folgenden Tage wurde dem Kur-12 fürsten durch den Oberstlieutenant von Sydow,der das Derfflingersche Reiterregiment befehligte,und mit 200 Reitern zur äußersten Linkenstand, der Abzug der Franzosen gemeldet;Derfflinger eilte mit 400 Reitern, die Lage der20 Dinge näher zu erkunden, und da er die Nach-richt bestätigte, so raffte der Kurfürst schleunigstalle Reiterei, die ihm für den Augenblick zuGebote stand, nebst 2000 Mann Fußvolk auf,und verfolgte, er selbst und Derfflinger stets25 voran, den fliehenden Feind unausgesetzt bisMerlheim; vergebens aber sandte er wiederholtdie dringendste Botschaft an Bournonville, daßdieser mit der Reiterei des gesammten Hee-res ihm nachrückte, damit dem Feinde noch ein30 beträchtlicher, unter solchen Umständen unfehl-barer, Nachtheil zugefügt würde; der Kaiser-liche Feldherr antwortete, der Abzug der Fran-zosen dürfte vielleicht nur eine List sein, um einGefecht herbeizuführen, das nachher zur allge-35 meinen Schlacht nöthigte, es würde besser sein,die Sache noch abzuwarten. Der Kurfürst er-wiederte, sich mit dem Feinde zu schlagen, seider Zweck, um deffenkwillen er sich hier befinde.Unterdessen war Lurenne mit seiner geringen40 Macht und allem Geschütz und Gepäck den ge-fahrvollen Engwegcn und der darin fast unver-meidlichen Niederlage schon ungekränkt entkom-men. Das verbündete Heer bezog hierauf einLager am Gockelsberge, von wo aus der Kur-45 fürst 3000 Mann gegen das feste Schloß Was-selsheim sandte, nach dessen Eroberung er dieWerke schleifen ließ. Die Hindernisse, welcheBournonville jeder Unternehmung entgegensetzte,lähmten jedoch alle weitere Thätigkeit; bei einem50 neuen Vorrücken gegen den Feind weigerte sichBournonville zu folgen; sein Emverständnifimit dem feindlichen Feldherrn wurde durch ge-häufte Thatsachen fast unzweifelhaft, und esblieb endlich nichts übrig, als in der schon vor-55 gerückten Jahreszeit gute Winterquartiere zunehme». Die Brandenburger hatten die ihrigenin der Gegend von Kalmar, die Kaiserlichen ingroßer Ausdehnung von Ensisheim bis Bclforr,Mümpelgard und Basel. Turenne, der sei»60 Heer inzwischen wieder verstärkt hatte, benutztedie Sorglosigkeit der Kaiserlichen, ging unver-merkt an Belfort vorbei, und brach im De-zember plötzlich gegen Mühlhausen mitten indie Quartiere der Verbündeten ein. Bournon-65 ville, vergebens von dem Kurfürsten gewarnt,flüchtete in aller Verwirrung, wobei er einbrandenburgisches Dragonerregiment durch Ver-gessen dem Feinde überließ, mit seinen Schna-rrn nach Kalmar, wo er sich an den Kurfürsten