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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
845-846
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Karl August Varnhageu von Ense

anschloß. Als aber Turenne folgte, und auchhier angreifen zu wollen schien, brach Bour-nonville nicht nur ohne Befehl plötzlich auf,sondern ließ auch die Brandenburger ohne An-zeige, und mit preisgegebener Flanke jedem Zu-fall, und wie es schien, absichtlich dem Feindezur sichern Beute ausgesetzt. Die Kriegskunstund Entschlossenheit Friedrich Wilhelms rette-ten ihn nicht ohne Kampf aus dieser großenGefahr; er führte seine Truppen bei Straß-burg über den Rhein zurück, und nahm ge-trennt von Bournonville, dessen Gemeinschaftihm ein Abscheu geworden, für seine Truppendie Winterquartiere in Franken. Besondere Um-stände veranlaßten ihn, sich seinen Staaten wie-der zu nähern.

Die spätere Zeit hat das seltsame Benehmendes Kaiserlichen Feldherrn hinreichend aufge-klärt. Eine Partei am Hose zu Wien, an de-ren Spitze der Fürst Wenzel von Lobkowitzstand, war für die Sache des Königs vonFrankreich thätig, und wußte dem Kaiser Leo-pold Gründe der Staatsklugheit vorzuhalten,die ihn vermochten, mir Ludwig XIV. schonfrüh ein geheimes Abkommen zu treffen, kraftdessen die beiderseitigen Truppen gewisse Schran-ken nicht überschreiten sollten. Gleiche Klagen,wie der Kurfürst über Montecuculi und Bour-nonville am Rhein, führte in den Niederlandengegen Souches der Prinz von Oranien. Alleindiese ursprünglich nur im Vortheile des Kai-serlichen Hofes gepflogenen Einverständnisse ar-teten auf manchen Punkten leicht in engereVerbindungen aus, die selbst durch jenen ge-heimen Sinn nicht mehr zu beschönigen waren.Der französische Gesandte GremonviUe in Wienerfuhr gleich nach jeder Sitzung der KaiserlichenRäthe den ganzen Inhalt ihrer Verhandlungen.Die Sache ging so weit, daß Montecuculi vollBitterkeit schrieb, es würde besser sein, die Be-fehle, starr an ihn, lieber gleich nach Paris zuschicken. So harte auch Bournonville in seinemEinverständnisse mit Turenne alles Maß über-schritten und so offenbares Aergerniß gegeben,daß die Generale Caprara und Dünewald ihngeradezu der Lerrätherei beschuldigten, undnicht weiter unter ihm dienen wollten. Einsolches Unwesen brachte freilich zuletzt denSturz dessen zuwege, der es veranlaßt hatte;eine Gegenpartei siegte, und der Fürst vonLobkowitz wurde noch im Laufe jenes Feldzugesvon, Hof entfernt und aller seiner Aemter ent-setzt; doch hörte damit nicht sogleich jeder Nach-theil der früheren Richtung auf.

Allzu sehr hatte der Hof von Versaillesden Werth empfinden müssen, welchen dem ver-bündeten Heere die Anwesenheit des Kurfürstenund die Mitwirkung seiner tapfern Truppenverlieh, wodurch die Frucht geheimer Ueberein-künfte, aus die bei der Kriegführung gerechnetwar, sich völlig in Ungewißheit verlor. DieMinister Ludwigs XIV. bemühten sich dahereifrigst, den Brandenburgern auf einer an-dern Seite genügsame Beschäftigung zu geben;die einflußreiche Verbindung, welche Frankreichmir Schweden unterhielt, gab dazu das Mittelan die Hand. Der französische Gesandte inStockholm bot alles auf, um die Schweden zueinem feindlichen Einbruch in die brandenbur-

gischen Länder zu bewegen. Ungeachtet derVersprechungen, welche von schwedischer Seitedem Kurfürsten vor dessen Kriegszuge nachdem Rhein wiederholt gegeben worden, ihn5 während solcher Entfernung durch keine Feind-lichkeit im Rücken zu beunruhigen, und trotzaller Warnungen, welche selbst der Kaiser die-serhaib drohend erlassen hatte, gab der schwe-dische Hof doch leicht den französischen Einge-10 bungen nach, und nahm gegen Brandenburgeine feindliche Stellung an. Man hoffte inStockholm, die bloße Nachricht von einem en-gern Anschließen Schwedens an Frankreichwerde genügend sein, den Kurfürsten von der15 Verbindung mit Oesterreich abzuwenden, welcheman ohnehin weniger durch dessen eigne Nei-gung, als vielmehr durch den Einfluß seinerGenerale Derfflinger und Pöllnitz geknüpft glaubte.Schon im November jedoch des Jahres 1674,2g während der Kurfürst noch im Elsaß war,offenbarte sich die feindliche Absicht der Schwe-den durch die That. Ihre Truppen rücktenaus Pommern und Mecklenburg in die Grän-zen der Ukermark ein, und nahmen ungefragt25 Durchzug und Quartiere. Der FeldmarschallKarl Gustav von Wrangel, der zu Wolgastgelandet, hatte dem Obersten Mikrander, wel-chen der Fürst Johann Georg von Anhalt-Dessau als Statthalter der brandenburgischenzo Länder an ihn abgesandt, bereits erklärt, dieallzu große Anhänglichkeit des Kurfürsten andas Haus Oesterreich müsse ihm Unheil brin-gen, und davon falle die ganze Schuld aufDerfflinger, der, selbst von Geburt ein Oestcr-35 reicher, mit eifrigstem Bemühen den Kurfürstenstets nach dieser Seite lenke, von welcher ihmdoch weder Dank noch Hülfe zu erwarten sei.Bald aber rückte Wrangel mir seinem Haupt-quartier nach Prenzlau vor, und breitete seine40 Truppen über Hinterpommern, die Neumark,die Priegnitz, und bis in die Mittelmark aus,wo sie ungestraft sich den größten Bedrückun-gen und schrecklichsten Ausschweifungen über-ließen. Durch alles dieses wollte jedoch der45 schwedische Hof, der in seinen Entschlüssen un-sicher schwankte, noch keinen Friedensbruch be-gangen haben; die größten Gewaltthaten wur-den von den freundschaftlichsten Versicherungenbegleitet. Auf die erste Nachricht von diesen50 Vorgängen wandte sich Friedrich Wilhelm anseine Bundesgenossen, und rief ihren Beistandan. Nachdem er seine Truppen in die Winter-quartiere nach Franke» geführt, eilte er zuerstnach dem Haag, wo seine persönliche Anwesen-55 heit die Kriegserklärung der Republik gegenSchwede» alsbald hervorrief- Allein der Kaiserund die übrigen Bundesgenossen in Deutsch-land waren nicht so schnell zu einem Entschlüssezu bringen, sondern harrten in zweifelhafter00 Unenlschiedenhcir des weiteren Verlaufs. Un-terdeß erreichten die Drangsale, welche die Markvon den Schweden erlitt, den höchsten Gipfel.Wrangel war erkrankt, und hatte den Ober-befehl einstweilen seinem Bruder Woldemar65 übertragen. Dieser, ein Mensch von bösartig-stem Gemüth, beförderte, was sein bessergear-reter Bruder nur nicht hatte hindern können,und erlaubte dem Kriegsvolk jeden Frevel undjede Grausamkeit; alle schrecklichsten Gräuel,