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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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873-874
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Ludwig Borne.

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so angenehm als fruchtbar; aber, meiner Mei-nung nach, wäre jetzt gar nicht die Zeit, woein braver Mann an seine Spaziergänge odersonstige Vergnügungen denken dürfe. Wennwir uns mir Untersuchungen über die deutscheSprache beschäftigten, wer denn Europa inOrdnung bringen sollte? — fragte ich ihn.Ohne von dem Zensurblatte aufzublicken undmit dem Streichen einzuhalten, antwortete mirder Polizeidirector: das ist unsere Sorge; Sieaber sollte» Ihre glückliche Freiheit - Freiheit?Nein, das Wort gebrauchte er nicht. Er sagte:Sie aber sollten Ihre glückliche Sorgenlosigkeitgehörig benutzen, über unsere MutterspracheForschungen anzustellen. lieutus ille gui pro-oul nvKotiis — setzte er mit klassischer Bildunghinzu, 4Aguo ewolumviitis? frug ich saty-risch. Aber er hörte diese Frage nicht, oderwollte sie nicht hören, und es blieb zweifelhaft,ob das Iwp., das er im nämlichen Augenblickeniederschrieb, die Abbreviatur von Impertinentoder von Imprimatur war. Indessen versprachich, den guten Rath zu befolgen, nahm meinradirtes Blatt und empfahl mich.

Seit jener Zeit habe ich oft und ernstlichüber Sprache und Styl nachgedacht, aber wasich suchte, habe ich bis jetzt nicht entdeckt.Was heißt Styl? Büffon sagte: Is «tz-Iov'est I'Aowms. Büffon hatte einen schönenund glänzenden Styl, und es war also seinVortheil, diese» Satz geltend zu machen. Istaber der Satz richtig? Kann man sagen: wieder Styl so der Mensch? Nur allein zu be-haupten: wie der Styl so das Buch — wärefalsch, denn es gibt vortreffliche Werke, welchein einem schlechten Style geschrieben sind. Dochdie Behauptung: der Mensch ist wie sein Buch,— ist noch falscher, und die Erfahrung sprichttäglich dagegen. Der eine dichtet die zartestenLieder, uud ist der erste Grobian von Deutsch-land; der Andere macht Lustspiele, sind ist eintrübsinniger Mensch; der dritte ist ein fröhli-cher Knabe, und schreibt Nachtgedanken- Ma-chiavelli, der die Freiheit liebte, schrieb seinenPrinzen, so daß er alle rechtschaffene Psycholo-gen in Verlegenheit und in solche Verwirrunggebracht, daß sie gar nicht mehr wußten, wassie sprachen, und sie behaupteten, Machiavellihabe eine politische Satyre geschrieben. Washeißt also Styl? Wie gesagt, ich weiß esnicht, und ich wünsche sehr, darüber belehrt zuwerden.

Die Schreibart eines Schriftstellers gehörigzu beurtheilen, muß man die Darstellung vondem Dargestellten, den Ausdruck von dem Ge-danken sondern. Aber dieses wird zu oft miteinander verwechselt. Noch ein Anderes wirdnicht immer gehörig unterschieden, nämlich: dieSchönheit und das Charakteristische des Styls.Man kann sehr schön schreiben, ohne einenStyl zu haben, und einen Styl haben, ohneschön zu schreiben. Ja, eine Schreibart voneigenthümlichem Gepräge schließt die vollkom-mene Schönheit aus, wie ein Gesicht mit aus-gesprochenen Zügen selten ein schönes, und einMann von Charakter selten ein liebenswürdi-ger ist. Nicht im Colorit, in der großern oderkleinern Lebhaftigkeit der Farben, sondern inder Zeichnung, Stellung und Gruppirung der

Gedanken liegt das Eigenthümliche einer Schreib-art. Vielleicht hängt der Styl eines Schrift-stellers mehr vom Charakter als vom Geiste,mehr von seiner sittlichen, als von seiner philo-sophischen oder Kunstanschauung des Lebens ab.Cicero schreibt vortrefflich, aber er hat keinenStyl, er war ein Mann ohne Charakter. Ta-citus hat einen, und Cäsar. Die Franzosenkönnen keinen Styl haben, weil ihre Spracheeinen hat. Wer in Frankreich schreibt, schreibtwie die guten französischen Schriftsteller, oderschreibt schlecht. Vergleicht man Rousseau mitVoltaire, so findet man zwar Beider Styl sehrvon einander verschieden; doch sind sie es nurso lange, als sich beider Ansichten von einanderunterscheiden. Wo Rousseau denkt wie Vol-taire, schreibt er auch wie er. Die deutscheSprache hat — der Himmel sei dafür geprie-sen — keinen Styl, sondern alle mögliche Frei-heit, und dennoch gibt es so wenige deutscheSchriftsteller, die das schöne Recht, jede eigen-thümliche Denkart auch auf eigenthümliche Weisedarzustellen, zu ihrem Vortheil benutzen! DieWenigen unter ihnen, die einen Styl haben,kann man an den Fingern abzählen, und esbleiben noch Finger übrig. Vielleicht ist Lessingder Einzige, von dem man bestimmt behauptenkann: er hat einen Styl.

Eine andere Frage: woher kommt es, daß soviele deutsche Schriftsteller so sehr schlecht schrei-ben ? Vielleicht kommt es daher, weil sie sichkeine Mühe geben, und sie geben sich keineMühe, weil sie, als Deutsche treu und ehrlich,sich mehr an die Sache und die Wahrheit hal-lend, es für eine Art Koketterie ansehen, denAusdruck schöner zu machen als der Gedankeist. Entspringt die Vernachläßigung des Stylsaus dieser Quelle, so ist zwar die gute Gesin-nung zu loben; doch ist die Sittlichkeit, vonder man sich dabei leiten läßt, eine falsche.Wie man sagt: der Gedanke schafft den Aus-druck, kann man auch sagen, der Ausdruckschafft den Gedanken. Worte sind nichtswcrtheMuscheln, in welchen sich zuweilen Ideen alsedle Perlen finden, und man soll darum dieMuscheln nicht verschmähen. Zu neuen Gedan-ken gelangt man selten. Der geistreiche Schrift-steller unterscheidet sich von dem geistarmen nurdarin, daß er, mir größerer Empfänglichkeitbegabt, schon vorhandene Ideen, deren Daseynjener gar nicht merkt, aufzufassen und sich an-zueignen vermag; aber neue schafft er nicht.Der menschliche Geist müßte eine ungeheureUmwälzung, eine solche erfahren, von der wirgar keine Ahnung haben, wenn der Kreis sei-ner Wirksamkeit sich bedeutend erweitern sollte.Die größte bekannte Revolution, welche dieMenschheit erlitten, war das Christenthum, unddoch kann man noch nicht sagen, daß wir vieleneue Ideen gewonnen, welche den Alten fremdgewesen. Freilich erklärt sich dieses dadurch,daß auch schon vor Christus christliche Weltan-schauung, wenn auch nicht in solcher Ausbrei-tung als jetzt, geherrscht hat. Kann aber derSchriftsteller keine neuen Ideen schaffen, so ver-mag er doch die alten in neue Formen zu brin-gen , und wie die Lebenskraft in der ganzenNatur die nämliche, und es nur die Gestaltist, welche in der Wesenkette ein Geschöpf über

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