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Heinrich Heine.
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im Bette und träumte wie gewöhnlich: erwandle in einem schönen Garten, auf dessenBeeten lauter weiße, mit Citaten beschriebenePapierchcn wachsen, die im Sonnenlichte lieb-lich glänzen, und von denen er hier und damehrere pflückt, und müdsam in ein neues Beetverpflanzt, während die Nachtigallen mit ihrensüßesten Tönen sein altes Herz erfreuen.
Vor dem Weender Thore begegneten mirzwei eingeborne kleine Schulkunden, wovon derEine zum Ändern sagte: „Mit dem Theodorwill ich gar nicht mehr umgehen, er ist einLumpenkerl, denn gestern wußte er nicht ein-mal wie der Genitiv von iUvns.i heißt." Sounbedeutend diese Worte klingen, so muß ich siedoch wieder erzählen, ja ich möchte sie als Stadt-Motto gleich auf das Thor schreiben lassen;denn die Jungen piepen, wie die Alten pfeifen,und jene Worte bezeichnen ganz den engen,trocknen Notizenstolz der hochgelahrten GeorgiaAugusta.
Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft,und die Böge! sätzgen gar freudig, und auchmir wurde allmälig wieder frisch und freudigzu Muthe. Eine solche Erguickung that Noth.Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandck-tenstall herausgekommen, römische Casuisten hat-ten mir den Geist wie mit einem grauen Spinn-web überzogen, mein Herz war wie eingeklemmtzwischen den eisernen Paragraphen selbstsüch-tiger Rechtssysteme, beständig klang es mir nochin den Ohren wie „Tribonian, Justinian, Her-mogenian und Dummerjahn," und ein zärtli-ches Liebespaar, das unter einem Baume saß,hielt ich gar für eine Corpusjuris-Ausgabe mirverschlungenen Händen. Auf der Landstraßesing es an lebendig zu werden- Milchmädchenzogen vorüber; auch Eseltreiber mit ihren grau-en Zöglingen. Hinter Weende begegneten mirder Schäfer und Doris. Dieses ist nicht dasidyllische Paar, wovon Geßner singt, sondernes sind wohlbestallte Universitälspedclle, die wach-sam aufpassen müssen, daß sich keine Studentenin Bovden duelliren, und daß keine neuen Ideen,die noch immer einige Dezennien vor Göttin-gen Quarantäne halten müssen, von einem spe-kulirenden Privatdozenten eingeschmuggelt wer-den. Schäfer grüßte mich sehr kollegialisch;denn er ist ebenfalls Schriftsteller, und hat mei-ner in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt;wie er mich auch außerdem oft citirt hat, und,wenn er mich nicht zu Hause fand, immer sogütig war, die Citation mit Kreide auf meineStubenlhür zu schreiben. Dann und wann rollteauch ein Einspänner vorüber, wohlbepackt mitStudenten, die für die Ferienzeit, oder auch fürimmer wegreisten. In solch einer Universitäts-stadt ist ein beständiges Kommen und Abgehen,alle drei Jahre findet man dort eine neueStudentengencration, das ist ein ewiger Men-fchenstrom, wo eine Scmcsterwelle die anderefortdrängt, und nur die alten Professoren blei-ben stehen in dieser allgemeinen Bewegung,unerschütterlich fest, gleich den Pyramiden Egyp-tens — nur daß in diesen Universitälspyrami-den keine Weisheit verborgen ist.
In pechdunkler Nacht kam ich an zu Oster-ode. Es fehlte mir der Appetit zum Essen undich legre mich gleich zu Bette. Ich war müde
wie ein Hund und schlief wie ein Gott. ImTraume kam ich wieder nach Göttingen zurück,und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ichstand in einer Ecke des juristischen Saals, durch-5 stöberte alte Dissertationen, vertiefte mich imLesen, und als ich aufhörte, bemerkte ich zumeiner Verwunderung, daß es Nacht war, undherabhängende Krystall-Leuchter den Saal er-hellten. Die nahe Kirchenglocke schlug eben10 zwölf, die Saalthüre öffnete sich langsam, undherein trat eine stolze, gigantische Frau, ehr-furchtsvoll begleitet von den Mitgliedern undAnhängern der juristischen Fakultät. Das Rie-senweib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch15 im Antlitz die Züge einer strengen Schönheit,jeder ihrer Blicke verrieth die hohe Litanin,die gewaltige Lhemis. Schwert und Wagehielt sie nachlässig zusammen in der einen Hand,in der andern hielt sie eine Pergamentcolle,20 zwei junge vootores juris trugen die Schleppeihres grau verblichenen Gewandes; an ihrerrechten Seite sprang windig hin und her derdünne Hofralh Rusticus, der Lykurg Hannovers,und deklamirle aus seinem neuen Gesetzentwurf;25 an ihrer linken Seite humpelte, gar galantund wohlgelaunt, ihr Lavalioro «ervonlo, dergeheime Justizrath Cujacius, und riß bestän-dig juristische Witze, und lachte selbst darüberso herzlich, daß sogar die ernste Göttin sich50 mehrmals lächelnd zu ihm herabbeugtc, mit dergroßen Pergamentrolle ihm auf die Schulterklopfte und freundlich flüsterte: „Kleiner, loserSchalk, der die Bäume von oben herab beschnei-det!" Jeder von den übrigen Herren trat jetzt35 ebenfalls näher und hatte etwas hin zu bemer-ken und hin zu lächeln, etwa ein neu ergrü-beltes Systemchen, oder Hypotheschen, oder ähn-liches Mißgebürtchen des eigenen Köpfchens.Durch die geöffnete Saalthüre traten auch noch40 mehrere fremde Herren Herrin , die sich als dieandern großen Männer des illustren Ordenskund gaben, meistens eckige, lauernde Gesellen,die mit breiter Selbstzufriedenheit gleich darauflos desinirtcn und distinguirten und über jedes45 Titclchen eines Pandcktenlitels disputirlen. Undimmer kamen noch neue Gestalten herein, alteRechlsgclchrten, in verschollenen Trachten, mitweißen Alongeperücken und längst vergessenenGesichtern, und sehr erstaunt, daß man sie, die50 Hochberühmtcn des verflossenen Jahrhunderts,nicht sonderlich regardirte; und diese stimmtennun ein auf ihre Weise, in das allgemeineSchwatzen und Schrillen und Schreien, das,wie Meeresbrandung, immer verwirrter und55 lauter, die hohe Göttin umrauschte, bis diesedie Geduld verlor, und in einem Tone des ent-setzlichsten Riesenschmerzcs plötzlich aufschrie:»Schweigt! schweigt! ich höre die Stimme destheuern Prometheus, die höhnende Kraft und60 die stumme Gewalt schmieden den Schuldlosenan den Marterfelsen, und all euer Geschwätzund Gezänke kann nicht seine Wunde» kühlenund seine Fesseln zerbrechen! " So rief die Göt-tin, und Thränenbäche stürzten aus ihren Au-65 gen, die ganze Versammlung heulte wie vonTodesangst ergriffen, die Decke des Saaleskrachte, die Bücher taumelten herab von ihrenBrettern, vergebens trat der alte Münchhau-sen aus seinem Rahmen hervor, um Ruhe zu