881
Heinrich Heine.
882
gebieten, es tobte und kreischte immer wilder,
— und fort aus diesem drängenden Lollhaus-lärm rettete ich mich in den historischen Saal,nach jener Gnadenstelle, wo die heiligen Bilderdes belvederischen Apolls und der mediceischen 5Venus neben einander stehen, und ich stürztezu den Füßen der Schönheitsgöttln, in ihrem
Anblick vergaß ich all das wüste Treiben, demich entronnen, meine Augen tranken entzücktdas Ebenmaß und die ewige Lieblichkeit ihreshocdgebenedciten Leibes, griechische Ruhe zogdurch meine Seele, und über mein Haupt, wiehimmlischen Segen, goß seine süßesten LyraklängePhöbus Apollo.
II. Die Ciausthaler
Das Befahren der zwei vorzüglichsten Claus-thaler Gruben, der „Dorothea« und „Earolina",fand ich sehr interessant und ich muß ausführ-lich davon erzählen.
Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangtman zu zwei großen schwärzlichen Gebäuden.Dort wird man gleich von den Bergleuten inEmpfang genommen. Diese tragen dunkle, ge-wöhnlich stahlblaue, weite, bis über den BauchHerabhängende Jacken, Hosen von ähnlicherFarbe, ein hinten aufgebundenes Schurzfell undkleine grüne Filzhüte, ganz randlos, wie einabgekappter Kegel. In eine solche Tracht, bloßohne Hinterleder, wird der Besuchende eben-falls eingekleidet, und ein Bergmann, ein Stei-ger, nachdem er sein Grubenlicht angezündet,führt ihn nach einer dunkeln Oeffnung, die wieein Kaminfegeloch aussieht, steigt bis an dieBrust hinab, gibt Regeln, wie man sich an denLeitern festzuhalten habe, und bittet angstlos zufolgen. Die Sache selbst ist nichts weniger alsgefährlich; aber man glaubt es nicht im An-fang , wenn man gar nichts vom Bergwerks-wesen versteht. Es gibt schon eine eigene Em-pfindung, daß man sich ausziehe» und die dunkleDelinquententracht anziehen muß. Und nunsoll man auf allen Vieren hinabklettern, unddas dunkle Loch ist so dunkel, und Gott weiß,wie lang die Leiter sein mag. Aber bald merktman doch, daß es nicht eine einzige, in dieschwarze Ewigkeit Hinablaufende Leiter ist, son-dern daß es mehrere von fünfzehn bis zwanzigSprossen sind, deren jede auf ein kleines Brettleitet, worauf man stehen kann, und worin wie-der ein neues Loch nach einer neuen Leiter hin-abführt. Ich war zuerst in die Earolina ge-stiegen. Das ist die schmutzigste und unerfreu-lichste Earolina, die ich je kennen gelernt habe.
Die Leitersprossen sind kothig naß. Und voneiner Leiter zur andern gehl's hinab, und derSteiger voran, und dieser betheuert immer: essei gar nicht gefährlich, nur müsse man sichmit den Händen fest an den Sprossen halten,und nicht nach den Füßen sehen, und nichtschwindlicht werden, und nur bei Leibe nichtauf das Seitenbrett treten, wo jetzt das schnur-rende Tonnenseil heraufgeht, und wo vor vier-zehn Lagen ein unvorsichtiger Mensch hinun-ter gestürzt und leider den Hals gebrochen. Daunten ist ein verworrenes Rauschen und Sum-men, man stößt beständig an Balken und Seile,die in Bewegung sind, um die Tonnen mir 85geklopften Erzen, oder daS hervorgesintrrteWasser herauf zu winden. Zuweilen gelangtman auch in durchgehauene Gänge, Stollengenannt, wo mau das Erz wachsen sieht, undII. lkurz, vros. kit.
Zilbergrubcn.
wo der einsame Bergmann den ganzen Lag15 sitzt und mühsam mir dem Hammer die Erz-stücke aus der Wand herausklopft. Bis in dieunterste Tiefe, wo man, wie Einige behaupten,schon hören kann, wie die Leute in Amerika» llurrali Lstäz'elte!« schreien, bin ich nicht28 gekommen; unter uns gesagt, dort, bis wohinich kam, schien es mir bereits tief genug: -immerwährendes Brausen und Sausen, unheim-liche Maschinenbewegung, unterirdisches Quel-lengeriesel, von allen Seiten herabtriefendes25 Wasser, qualmig aufsteigende Erddünste, unddas Grubenlicht immer bleicher hinein flimmerndin die einsame Nacht. Wirklich es war betäu-bend, das Athmen wurde mir schwer, und mitMühe hielt ich mich an den glitschrigen Leiter-30 sprossen. Ich habe keinen Anflug von soge-nannter Angst empfunden, aber, seltsam genug,dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daßich im vorigen Jahre, ungefähr um dieselbeZeit einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und35 ich meinte jetzt, es sei doch eigentlich recht trau-lich angenehm, wenn das Schiff hin und herschaukelt, die Winde ihre Trompeterstückchenlosblasen, zwischen drein der lustige Matrosen-lärmen erschallt, und alles frisch überschauert48 wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft!— Nach Luft schnappend stieg ich einige Du-tzend Leitern wieder in die Höhe und mein Stei-ger führte mich durch einen schmalen, sehr lan-gen , in den Berg gehauenen Gang nach der45 Grube Dorothea- Hier ist es luftiger und fri-scher, und die Leitern stnd reiner, aber auchlänger und steiler als in der Earolina. Hierwurde mir schon besser zu Muthe, besondersda ich wieder Spuren lebendiger Menschen ge-58 wahrte. In der Tiefe zeigten sich nämlich wan-delnde Schimmer; Bergleute mit ihren Gru-benlichtern kamen allmählig in die Höhe mit demGruße „Glückauf!" und mit demselben Wieder-gruß von unserer Seite stiegen sie an uns vor-55 über; und wie eine befreundet ruhige, und dochzugleich quälend rälhselhafte Erinnerung, tra-fen mich mit ihren tiefsinnig klaren Blicken dieernstfrommen, etwas blassen, und vom Gru-benlicht geheimnißvoll beleuchteten Gesichter die-60 ser jungen und alten Männer, die in ihrendunkeln, einsamen Bergschachten den ganze»Lag gearbeitet hatten, und sich jetzt hinaufsehn-ten nach dem lieben Tageslicht, und nach denAugen von Weib und Kind.
Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrlichepudeldculsche Natur. Mit innerer Freudigkeitzeigte er mir jene Stolle, wo der Herzog vonCambridge, als er die Grube befahren, mit sei-nem ganzen Gefolge gespeist hat, und wo noch5«