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Heinrich Heine.
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der lange hölzerne Speiselisch steht, so wie auchder große Sruhl von Erz, worauf der Herzoggesessen. Dieser bleibe zum ewigen Andenkenstehen, sagte der gute Bergmann, und mitFeuer erzählte er: wie viele Festlichkeiten da-mals stattgefunden, wie der ganze Stollen mitLichtern, Blumen und Laubwerk verziert gewe-sen, wie ein Bergknappe die Zitter gespielt undgesungen, wie der vergnügte, liebe, dicke Her-zog sehr viele Gesundheiten auögetrunken habe,und wie viele Bergleute und er selbst ganzbesonders, sich gern würden todt schlagen las-sen für den lieben, dicken Herzog und das ganzeHaus Hannover. — Innig rührt es mich jedes-mal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefühl derUnterlhanskreuc in seinen einfachen Naturlau-ten ausspricht. Es ist ein so schönes Gefühl!Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefühl!Andere Völker mögen gewandter sein, und witzi-ger und ergötzlicher, aber keines ist so treu, wiedas treue deutsche Volk. Wüßte ich nicht, daßdie Treue so alt ist wie die Welt, so würde ichglauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden.Deutsche Treue! sie ist keine moderne Adreffen-floskel. An Euren Höfen, Ihr deutschen Für-sten, sollte man singen und wieder singen dasLied von dem getreuen Eckart und dem bösenBurgund, der ihm die lieben Kinder tödtenlassen, und ihn alsdann noch immer treu be-funden hat. Ihr habt das treueste Volk, undIhr irrt, wenn Ihr glaubt, der alte, verstän-dige treue Hund sei plötzlich toll geworden undschnappe nach Euren geheiligten Waden.
Wie die deutsche Treue, harte uns jetzt daskleine Grubenlicht ohne viel Geflacker, still undsicher geleitet durch das Labyrinth der Schach-ten und Stollen; wir stiege» hervor aus derdumpfigen Bergnacht, das Sonnenlicht strahlt'— Glück auf!
Die meisten Bergarbeiter wohnen in Claus-thal und in dem damit verbundenen Bergstädt-chen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieserwackern Leute, betrachtete ihre kleine häus-liche Einrichtung, hörte einige ihrer Lieder, diesie mit der Zitter, ihrem Lieblingsinstcumente,gar hübsch begleiten, ließ mir alte Bergmährchenvon ihnen erzählen und auch die Gebete hersa-gen , die sie in Gemeinschaft zu halten pflegen,ehe sie in den dunkel» Schacht hinunlersteigen,und manches gute Gebet habe ich mit gebetet.Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte beiihnen bleiben und Bergmann werden; und alsich dennoch Abschied nahm, gab er mir einenAuftrag an seinen Bruder, der in der Nähevon Goslar wohnt, und viele Küsse für seineliebe Nichte.
So stillstehend ruhig auch das Leben dieserLeute erscheint, so ist es dennoch ein wahrhaf-tes, lebendiges Leben. Die stcinalte, zitterndeFrau, die, dem große» Schranke gegenüber,h . er m Ofe» saß, mag dort schon ein Vier-teljahrhundert lang gesessen haben, und ihrDenken und Füh,e„ ist gewiß innig verwachsenmit allen Ecken dieses Ofens und allen Schni-tzrleien dieses Schrankes. Und Schrank undOfen leben, denn ein Mensch hat ihnen einenTheil seiner Seele eingeflößt.
Nur durch solch tiefes Anschauungsleben,
durch die nllnmittclbarkeit" entstand die deut-sche Mährchenfabel, deren Eigenthümlichkeit da-rin besteht, daß nicht nur die Thiere und Pflan-zen, sondern auch ganz leblos scheinende Ge-genstände sprechen und handeln. Sinnigem,harmlosem Volke, in der stillen, umfriedetenHeimlichkeit seiner niedern Berg - oder Wald-hüikcn offenbarte sich das innere Leben solcherGegenstände, diese gewannen einen nothwendi-ge», konsequenten Charakter, eine süße Mi-schung von phantastischer Laune und rein mensch-licher Gesinnung; und so sehen wir im Mähr-chen, wunderbar und doch als wenn es sich vonselbst verstände: Nähnadel und Stecknadel kom-men von der Schneiderhcrberge und verirrensich im Dunkeln; Strohhalm und Kohle wollenüber den Bach setzen und verunglücken; Schippeund Besen stehen auf der Treppe und zankenund schmeißen sich; der befragte Spiegel zeigtdas Bild der schönsten Frau; sogar die Bluts-tropfen fangen an zu sprechen, bange dunkleWorte des besorglichste» Mitleids. — Aus dem-selben Grunde ist unser Leben in der Kindheitso unendlich bedeutend, in jener Zeit ist unsAlles gleich wichtig, wir hören Alles, wir sehenAlles, bei allen Eindrücken ist Gleichmäßigkeit,statt daß wir späterhin absichtlicher werden, unsmir dem Einzelnen ausschließlicher beschäftigen,das klare Gold der Anschauung für das Papier-geld der Bücherdefinicionen mühsam einwechseln,und an Lcbensbreite gewinnen, was wir an Le-benstiefe verlieren. Jetzt sind wir ausgewach-sene, vornehme Leute; wir beziehen oft neueWohnungen, die Magd räumt täglich auf, undverändert nach Gutdünken die Stellung derMöbel», die uns wenig intereffire», da sie ent-weder neu sind, oder heut dem Hans, morgendem Jsaak gehören; selbst unsere Kleider blei-ben uns fremd, wir wissen kaum, wie vielKnöpfe an dem Rocke sitzen, den wir eben jetztaus dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oftals möglich mir Kleidungsstücken, keines der-selben bleibt im Zusammenhange mit unsererinneren und äußere» Geschichte; kaum vermö-gen wir uns zu erinnern, wie jene brauneWeste aussah, die uns einst so viel Gelächterzugezogen hat, und aus deren breiten Streifendennoch die liebe Hand der Geliebten so lieblichruhte!
Die alte Frau, dem großen Schrank gegen-über, hinterm Ofen, trug einen geblümten Rockvon verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrerseligen Mutter. Ihr Urenkel, ein als Berg-mann gekleideter, blonder, blitzäugiger Knabe,saß zu ihren Füßen und zählte die Blumenihres Rockes, und sie mag ihm von diesem Rockewohl schon viele Geschichten erzählt haben, vieleernsthafte, hübsche Geschichten, die der Jungegewiß nicht so bald vergißt, die ihm noch sooft vorschweben werden, wenn er bald, als einerwachsener Mann, in den nächtlichen Stollender Carolina einsam arbeitet, und die er viel-leicht wieder erzählt, wenn die liebe Großmut-ter längst todt ist, und er selber, ein silberhaa-riger, erloschener Greis, im Kreise seiner Enkelsitzt, dem großen Schranke gegenüber, hintermOfen.
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