88 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
und Sprichwort durch die lateinischen Dichter schon im 16. Jahrh., durchdie Deutschen hauptsächlich im 17. Jahrh., eine andere Richtung gege-ben, die das Abwenden der Zeit vom Phantasievollen und Moralischenauf das Verständige, Scharfsinnige und Intellektuelle sehr scharf bezeich-net, nämlich durch die Vorliebe für Anekdote, Witzrcde und Epigramm,Gattungen, die unter sich in demselben Verhältnisse liegen, wie Fabelund Sprichwort. Der Uebergang von Fabel zu Schwank, von diesemzu Anekdote, von komischen Handlungen zu komischen Reden stellt sichvon selbst dar.
Nichts bezeichnet so sehr, wie eben diese Veränderung in dem Ge-schmack der großen Lesewelt, den Uebergang zu ganz neuen Bildungen,und namentlich den Uebergang der Literatur in die mehr gelehrten Sphä-ren der Gesellschaft, auf den wir nun überall aufmerksam werden. Imganzen Mittelalter war das Wissen, die eigentliche Bildung des Geistesund Kopses, nie ein Zweck gewesen, aus den man es bei der poetischenErzeugung abgesehen hätte; vollends jene gemeinverständlichste Art vonDichtungen, die Beispiele und Schwänke, waren immer nur aus Unter-haltung oder auf Sittenförderung berechnet. Zu diesen Zwecken genügteauch jede Erdichtung, jedes ersonnene Beispiel, jede Fabel; nicht so wares, wenn es auf intellectuelle Bildung nud auf Kenntnisse wäre abge-sehen gewesen. Dahin aber war man in Deutschland und selbst in ganzEuropa seit der Humanistik im Süden und der Reformation im Norden,durch den Einfluß der Schulen, der Geistlichen, der Gelehrten mehr undmehr gestellt. Von dieser Zeit an wird daherdas „Beispiel" stets prosaischer,wissenschaftlicher, immer häufiger aus wahrer Geschichte genommen, nichtmehr aus dem weiten Gebiete der Fietion; die Sprichwörter ungewissenallgemeinen Ursprungs gefallen jetzt weniger, als die witzigen Sprüchewirklicher, geschichtlicher Personen; und der Zweck der Beispielliteraturist nun nicht so wohl neben der Unterhaltung gute Sitten zu fördern,als vielmehr nützliche Kenntnisse zu verbreiten. In Pauli's Zeiten hattenwir den Schwank, das Beispiel noch ganz aus den Kreisen des Volkesgenommen und für sie erzählt gesehen; die gelehrten Herrn die sie sam-melten ließen sich zum Volke herab; die Anekdoten und Witzreden diesie erzählten waren nicht von berühmten Männern der Geschichte, sondernvon Bauern, Volksnarren, Vagabunden und allerlei Gesellen der unter-sten Klassen. Gemüthserheiterung, nicht Kopfbeschäftigung war ihr
aus Petri, Lehman» u. A. Proben mit. Vgl. Zacher, die deutschen Sprichwörter-sammlungen. Leipzig 18SS.