74 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.
bedeutenden Sieg abgewann. Dies hatte seinen Grund in zwei Dingen.Die Gelehrten kamen anfangs in keinen allzu geraden Gegensatz mit demVolke in dieser Gattung und durften sich der Pflege derselben nicht indem Maße annehmen, wie es bei dem Liede der Fall war. Wo sie esthaten, hatten sie die lateinischen Muster und die Nachahmung desTerenz mehr im Auge, als den Beifall des Volks; sie schrieben daherlateinisch, und zum Zwecke der Ausführung auf Schulen und Universi-täten. Aus der andern Seite ging das Volksschauspiel seinen Weg fort;Mysterium und Fastnachtspicl entwickelte sich weiter, ohne nach der Regeldes Plautinischen Lustspiels zu fragen. Seit der Reformation aber gabes zwischen beiden Zweigen dieses Einen Stammes mancherlei Ver-wickelungen. Die altkatholischen Mysterien erlitten begreiflicherweise eineErschütterung; vieles wollte sich mit der neuen Lehre nicht weiter reimen,was darin vorkam. Daß die Geistlichen zuerst dazu thaten, die evangeli-schen Veränderungen des geistlichen Spiels einzuleiten, die Stücke bibel-gemäß zu machen, war zu erwarten. Gerade diese Stücke aber konntensie nicht blos für die Schule berechnen und lateinisch bearbeiten; wenig-stens war mehr Ehre einzuerndten, wenn sie deutsch dem ganzen Volkekonnten vorgestellt werden. Sobald dies aber geschah, geriethcn diedramatisirenden Poeten und Schullehrer in Hans Sachsens Manier,und sobald überdies nur einmal der Weg dahin gewiesen war, die epi-schen Theile der Bibel in Schauspiele zu bringen, so fühlte sich dem auchder bibelfeste Volksmann gewachsen. So ward also das geistliche Schau-spiel ein Mittelding zwischen Volks- und Gelehrtendichtung, ebenso wieeS meist von Knaben der Gelehrtenschule vor der Gemeinde gespielt ward.Hätten die Geistlichen in diesem Fache dieselbe Ueberlegenheit bewiesen,wie in dem Kirchenliede, so hätte sich das Volksschauspiel vielleichtebenso bescheiden vor der geistlichen protestantischen Moralität zurück-gezogen, wie das Volkslied vor dem Kirchenchoral. Allein hier warNiemand, der deutsch dichtend einem Hans Sachs so gegenüber gestandenhätte, wie Luther und seine Liederdichter dem Nielas Hermann; oder diees gekonnt hätten, schrieben lateinisch. Und wie die Stücke der Gelehrtendemnach an Werth nicht über das Volksschauspiel reichten, so verlorensie völlig der Masse nach: denn den Hans Sachs und Ayrer gegenüber,nachdem sie gar die Verstärkung durch die englichen Komödien um 1600erhielten, hätte schon eine große Macht entfaltet werden müssen. Trotzdes Sieges aber, den das Volksschauspiel über das gelehrte, das welt-liche über das geistliche im Ansauge des 17. Jahrhs. davon trug, gingdas Drama doch nachher im Laufe dieses Jahrhunderts den allgemeinen