Band 
Dritter Band.
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78 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.

Großartiges im Verhältniß, wie die Nibelungen groß waren, aber dieletzte Höhe ließ vie deutsche Bühne vermissen, wie das deutsche Volks-epos. Beidemal war die Ursache, weil die äußern Verhältnisse nicht sogünstig waren, wie die Talente, und weil keine Nation da war und keinVolkscharakter. Wir haben ein großes Nationalepos, aber keine epischeNationaldichtung gehabt, sonst würde diese tiefer gegriffen, sich erhalten,nicht so leicht sich unterworfen haben; wir haben große dramatischeDichter, aber keine Volksbühne; beides war uns verkümmert; wir solltendas Außerordentlichste gleichsam nicht leisten, zu dem wir Kräfte genughatten. Wenn Nürnberg eine Hauptstadt gewesen wäre, wie würde sichin den 200 Jahren seiner theatralischen Thätigkeit ein Volksschauspielausgebildet haben: so aber führten die großen Anstrengungen nicht überdie Rohheit hinweg. Die Jigö, die sie in England hatten, die Loa'sder Cervantes und Lope, das Mysterium selbst eines Lorenzo von Medieibrachte eS nicht viel höher, als unsere ähnlichen Stücke des lO.Jahrhö.,allein dadurch, daß sich dort um die zwar geizige Liebhaberin der Bühne,Elisabeth, und hier zugleich um die berauschte Bevölkerung und denglänzenden Hof von Madrid jedes Talent des Schauspielers und Schau-spieldichters zusammendrängte, konnten die großen Gestalten schon da-mals hervorgehen, die wir in der Geschichte der englischen und spanischenBühne bewundern, während bei uns nur ein ungeheurer Wust der rohestenVersuche vorliegt, die sich selbst in ihrer Entstehungszeit nicht wie dieLondoner Stücke über England, Holland und Deutschland, sondern kaumvon einem Orte zum andern, von einer Schule zur andern verbreiteten,die vielmehr (wie.schonZach. Poleus vor seiner Tragödie von Belagerungder Stadt Samaria sFrankf. a. O. 1603s sagte) mehrentheils bei Seitegelegt, zerstreut und verloren wurden. Ohne die Druckerkunst würdensie vollends so gut wie die alten Rhapsodien bis auf Weniges unter-gegangen sein. Wir versuchen in dem Folgendem, die geschichtlichenFortgänge unseres Schauspiels so zum Ueberblicke zu ordnen, daß sichdie vielen Einzelheiten in möglichst deutliche Gruppen zusammenstellen.

Erinnern wir uns zuerst aus unserem früheren Abschnitte über dasSchauspiel, daß man im ganzen 16. Jahrh, wetteiferte, die lateinischenKomödien zu übersetzen. Mit diesen Uebertragungen ging es wie mitdenen der Psalmen. Sie wurden mit der Zeit um so viel verständlicherals die alten harten Uebersetzungen von Nydhardt und Wyle, wie diespätern Psalmen eingänglicher wurden als die gedrungenen von Luther'sZeitgenossen. Je pharaphrastischer aber die deutschen Terenze wurden,desto schaler wurden sie auch und verloren den alten Kern. Man konnte