Band 
Dritter Band.
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82 Rücktritt der Dichtung aus dem Volke unter die Gelehrten.

mehr eine blos lehrhafte Allegorie aus, sondern eine bittere Satire. DerTvdesbote bescheidet unter anderen Sterblichen den Kaufmann vor Got-tes Gericht; der Gewinn hatte bei ihm das Gewissen verdrungen. SeinPfarrherr will den Sterbenden in die Beichte nehmen und absolviren,aber das Gewissen beruhigt sich nicht dabei, und der versteckte Satanspricht ein „Papar" dazu; der Pfarrer tröstet ihn mit seinen Werkheilig-keiten und seinem Schutzpatron, das Gewissen zeigt sich höchst antipa-pistisch; der Geistliche will das Gewissen stillen mit dem Leib Christi,so beschuldigt es ihn, er habe das halbe Sakrament wie ein Dieb ge-stohlen; er verspricht das Himmelreich für die angeordneten Messen, derTeufel sagt seinen vorigen Spruch dazu; er will dem Kaufherrn dieOelung geben, der aber meint, sie sei auf der Fechtschule besser angebrachtdie Glieder zu salben; er will den Teufel, der den Sterbenden mit seinemSündenregister schreckt, mit Weihwasser scheuchen, allein der singt seinevorige Litanei. Dies sind Scenen von der komischsten Wirkung. Imdritten Akt kommt Paulus mit dem Arzte Cosmas zu dem Kranken, dernoch immer aus seine guten Werke Pocht, sie geben ihm eine Purganzein, auf die er alle seine Kerzen, Bullen, Altar und Wallfahrtschuhe vousich bricht und sich nun der erlösenden Gnade vertraut; dies macht dann,daß er zuletzt im Gericht besteht, während die Anderen die aus ihr Ver-dienst pochen zu leicht befunden werden; damit deutlich werde: eineandere Lehre ein anderes Ende. Dies Stück würde in jeder Weise vor-trefflich sein, wenn es nur kürzer wäre; an dem Fehler der Breite leidenaber alle deutschen Uebersetzungen lateinischer Stücke; so selbst Naogeorg'sHaman und Esther, einer jener alttestamentlichen Gegenstände, in denenman sich sonst damals gerade heilsamer Kürze befleißigte. Das Stückist noch 1607 von Damian Lindtner übersetzt; früher und besser aber1546 von Joh. Chryseus, der seine Arbeit nach Rebhuns und TirolfsVorbild und mit Vorwissen Naogeorgs machte. Wäre das Stück ur-sprünglich deutsch geschrieben gewesen, so wäre wenigstens das vermiedenworden, daß neben solchen bessern Uebersetzern nicht zugleich Pfuscherdiese Stücke verderben durften; so aber wurde der Haman noch in einerdritten Bearbeitung von Morshemius und Poslius, die ihn vor demPfalzgrasen in Heidelberg aufführten, durch Einmischung „guter Possen"entstellt. Zwei andere Stücke von Naogeorg, Jeremias und Judas,scheinen nicht ins Deutsche übertragen worden zu sein.

Noch mehr als Naogeorg's wären die Stücke von NicodemusFrischlin (ausBalingen 1547—90) dafür geartet gewesen, indeutscher