214 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
Wissenschaften durchwandern." Aber indem er so die neue deutsche Dich-tung an die alte klassische knüpfte, stellte er sich den gelehrten Poeten unddiese wieder sich nahe und hat auf diese Weise die lateinische Dichtunguntergraben und den Gebrauch der lateinischen Sprache tief erschüttert,wie nur Luther vorher; dieser eroberte sie für die Religion, Opitz für dieDichtung, ThomasiuS für die Wissenschaft. Daher war sein erstes Auf-treten im Aristarchus (1618) gleich gegen die Sprachverächter gerichtetund wie die Reformatoren, wie die deutschthümelnde Jugend von 1813begeisterte er sich für Taciteische Urzeit der Nation und überlieferte dieseVorliebe für altdeutsche Sitte und Biederkeit seinen Nachfolgern, dieihm nur auch in seinen Nachforschungen nach alten deutschen Sprach-denkmalen (bekanntlich fand er den Lobgesang auf den heiligen Hannoauf) hätten nachgehen sollen. Auch Er also sucht in seiner Sphäre dasAntike und das Aechtdeutsche mit einander zu verbinden, einen Weg,auf dem wir die großen Wohlthäter der Nation immer fanden. Und wieverfehlt sich die Art und Weise ausnimmt, in der er dies versuchte undwie gering der Grad, in dem es ihm gelang, so sollten wir vielleichtweniger das Wie untersuchen, als das Daß, und ihn entschuldigenmit dem von ihm selbst einmal über sich angeführten Spruche: in großenSachen sei auch Wollen lobenswerth. Daß er seine Ziele und Idealenicht erreichte, lag vielfach nicht an ihm; daß seinem Wollen sein Thunvielfach nicht entsprach, das hinderte die Zeit und ihr Charakter, demauch der Gewaltigste nicht entgeht. Wie würdig spricht er nicht von demFeuer der Poesie, das vom Himmel stamme, wie sehr steht seine erlernteDichtung aber gerade von dieser vom Genius eingegebenen ab! Erscheut sich nicht, gelegentlich wo ihm ein Vers nicht gelang, stolz zuerinnern, daß selbst der Adler zuweilen schlafe, zu anderer Zeit aber mußer wie Hans Sachs klagen, daß ihm Griff und Kunst vergehe und derSinne Fruchtbarkeit schwinde. Er nimmt den Preis in Anspruch,Deutschlands Sprache in trotzender Herrlichkeit den fremden gleichgestelltzu haben und meint, wem dies gelang, der dürfe nicht hier unten kleben,der werde leben und wär er zehnmal todt, und anderemale weiß er, daßkein Prophet dazu gehört ihm zu sagen, wie in dem Flusse der Zeitselbst Ronsard seinen Ruhm verloren habe mit allen seinen Zeitgenossen.Ob es diese heimlichen Empfindungen des Ungenügens sind, die überOpitzens Werke jenen eigenen elegischen Anstrich breiten, den fast alleseine Nachfolger bis auf die Zeiten des Grpphius gleichfalls tragen?Wie leicht trug ihn das Glück, und er macht nicht eben den Eindruckeines glücklichen Mannes! Wie unendlich hob ihn seine Mitwelt empor,