Band 
Dritter Band.
Seite
309
JPEG-Download
 

Epigramme und Satiren.

3Ü9

schwindet aber von dem grundtiefen Inhalte, dessen eine solche Grab-schrist fähig ist, wenn de: Todte nur ein blos erdichteter Charakter vonallgemein typischem Schlage ist. Nach dieser Ansicht würde man auchgegen Lesstng jene Epigramme vertheidigen müssen, die mit dem Gegen-stände nicht auf poetischem Wege erst bekannt machen, die ihn etwa blosin dem Lemma bezeichnen; alle jene Fernen wären dieser Art: dasDenkmal, aus das sie gesetzt sind, steht in aller Gesicht; das Epigrammist dann erst recht und blos das, was sein Name besagt, und schondieses würde uns für diese Gattung mehr einnehmen, als für die andern,in denen man erst meist auf langweiligen Umwegen mit dem Gegenstanddes Witzes bekannt gemacht wird. Wie treffliche Sachen haben wirz. B. von den Griechen auf berühmte Statuen! Dergleichen werdenwohl immer die befriedigendsten Sinngedichte bleiben.

Solcher Epigramme nun hat Owen so wenige wie Logau^).Nicht, daß sich dieser nicht häufig über bekannte Gegenstände verbreitet;die Oeffentlichkeit fehlt ihm nicht, aber die Besonderheit. Man darf inseinen Sinngedichten seinen Charakter suchen und wird ihn finden, weiler sich häufig der Zeit, ihren Sitten und Verderbtheiten gegenüber stellt.Er thut dies oft in dem Maße, daß er kleine Satiren Anschiebt, wozuihm schon die allgemeine Ansicht der Zeit, daß das Epigramm eine kurzeSatire, die Satire ein längeres Epigramm sei, die Erlaubniß gab. Woer sich über die „junge Zunge," über die Amadisleser u. dergl. ausläßt,müßte man dies mehr neben Lauremberg's Satiren stellen. In solchenStücken erkennt man am schönsten, daß unser Epigrammatist kein herz-loser Spaßmacher und Silbenstecher ist, als der er anderswo häufigerscheinen könnte. Die üble Lage der Zeit sich aus dem Sinne zu schlagen,war nicht der kleinste Beweggrund seiner Beschäftigung mit dem Sinn-gedichte überhaupt. Hätte er nur überall statt mit der flachen Klinge,mit der Schärfe des Schwertes geschlagen. Wenn er über die Dichter-kronen spottet, die an elende Poeten vergeben werden, wie anders hättedies noch getroffen, wenn er einen bestimmten Fall in die Mitte gestellthätte. Wenn er den Gernklug verhöhut, der sich auf's Bereichern derSprache mit neuen Prahlworten legt, hätte er ihn doch gleich bei Namengenannt! Wenn er über den Steuerdruck Klage erhebt, über die Hunds-philosophie (die Jagd), der sich Adel und Fürsten hingeben, über dasHofwesen und Schnappen nach Gunst, über die endlose Kriegsnoth unddas Regiment des Mars, der ihm unter andern Schadenstiftungen auch

!88) Salomon von Golaw's deutscher Sinngedichte drey tausend. Breßl. (1V54.)