Band 
Dritter Band.
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Einllitt des Kunstcharakters der neueren Zeit.

übrigen sagen muß. Die wenigsten von allen sind Epigramme nach* jenem eigentlichen Sinne des Worts, den Lessing erklärt hat, nachwelchem das Epigramm (die Ueberschrift, wie man damals ziemlich all-gemein übersetzte) erst die Empfindung der Unbefriedigung, die wir beieinem Denkmal haben, dessen Bestimmung wir nicht kennen, und danndie der befriedigten Neugierde, welche die Aufschrift des Denkmals gibt,gleichfalls erregen und dadurch jene alte Benennung rechtfertigen soll.Selbst die wirklichen Epigramme nach diesem Sinne haben der großenMehrheit nach weniger Interesse, und dies liegt in ihrer Allgemeinheit.Jene abgedroschenen Witze über die Kahlköpfe, Bastarde, Geizigen, ge-hörnten Männer, bösen Weiber, Aerzte und Juristen, von denen Owenund alle neueren Epigrammsammlungen voll sind, müssen jeden Leserkalt lassen. In diesen Allgemeinheiten setzt man gleichsam, um inLessing's Vorstellung zu bleiben, daö Denkmal um der Inschrift willen;man macht sich die Fälle zu seinen Witzen, man geht nicht von gegebenenPersönlichkeiten und Verhältnissen aus, aus denen man die Veranlassungund die Wahrheit der Witzrede prüfen kann. Lessing bemerkt ganz recht,daß schon ein bloßer conereter Name, auf den sich das Epigramm be-ziehe, viel thue, um diesen Uebelstand zu verbergen, doch ist auch diesnur Nothbehelf. Es ist ganz anders, wenn der Name oder die Sache,die der Witz trifft, eine öffentliche, allgemein bekannteist, wennes also vergönnt ist, den Scharfsinn des Epigrammatisten zu prüfen.Wenn daher Opitz verlangt, daß das Epigramm lieber in Lobreden undScherzreden bestehen soll, als in „spöttischer Höhnerei und Aufruck an-derer Leute Laster und Gebrechen," so ist das moralisch gut gemeint,allein richtiger wird die entgegengesetzte Meinung sein, daß das Epi-gramm, (das indeß weder zu moralisiren noch immer witzig und spitzigzu sein braucht) sich am besten auf bestimmte Personen und besondereSachen bezöge, die der Oeffentlichkeit angehören, weshalb die Genienvon Göthe und Schiller so ziemlich als Muster der Epigrammendichtungangesehen werden dürften, wenn sie nur mehr formelle Verdienste hätten.Das Persönliche müßte also das Epigramm nicht scheuen; die Hoffnungso vieler Sinndichter, daß ihre allgemeinen Hiebe manchen zum Selbst-ankläger machen, daß sich viele davon getroffen fühlen würden, ist eineeitle. Wie vortrefflich eignet sich die Grabschrist eines allgemein be-kannten Mannes zum Epigramm: sie zieht die Summe eines ganzenLebens, und war dieses ein verkehrtes, so steht das Epigramm mit seinersatirischen Spitze auf dem ernsten Monument, das an die menschlicheNichtigkeit ohnehin erinnert, mit einer eingreifenden Wirkung. Wie viel