Geistliche Dichtung.
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Phantasie und der Dichtung, nicht ein Mißverstehen aller poetischen Kraft.Man zeige doch den andern Dichter im 17. Jahrh., der sich wie Gryphiussämmtlicher Spielereien, aller Ecko's, Wortspiele, Bilderreime, Gelegen-heitsgedichte, Akrostichen, Anagramme, und wie all der Kleinigkeitskramheißt, so ganz enthalten und der so würdige Richtungen in allen Theileneingehalten hätte! Man nenne einen, der alle ächten Gattungen, Ode,Satire, Trauer- und Lustspiel so selbständig, mit so passend geändertemTone, mit solcher Bemeisterung der Vorstellungen und Sprache behandelthätte! Wer ihn in seinen Sonetten von Rom und seinen Wundern spre-chen hört, der muß sich fragen, welcher andre jener Pedanten einen soerschlossenen Sinn für das Schöne hatte, wie er! Wer gegen die viel-fache Dürftigkeit dieser Zeitgenossen das Gewühl von poetischen Bildernund Gedanken in seinen Gedichten sieht, und diese unaufhörliche, oftermüdende Fülle von Epitheten und Metaphern, die doch nirgends in dasfalsche Gepränge und die Spielerei der Nürnberger ausartet, den würdeman nicht begreifen, wenn er zweifeln wollte, wo eigentlich das dich-terische Haupt- und Grundvermögen dieses Jahrhunderts läge. WerGryph's Sonette liest, Blumen die aus dem ersten März seiner Jugendheraufsproßten, und in denen man Blicke auf seinen Charakter und seineSchicksale wirft, den wird es dauern, daß sein junges Leben mit denherbsten Erfahrungen begann, daß ihn Brand und Schwerd und der Tod'von Bruder und Schwester im 25. Jahre auf ein Krankenbett warf undeinen Stachel in ihm zurückließ, der ihn nachher schwermüthig hielt, daßer immer „vor leichter Rosenlust die ernsten Disteln achtete", und der ihnim besten Alter (im 48. Jahre, 1664) hinraffte, ein Loos, das er mitfast jedem der ausgezeichneten Dichter dieser Zeit theilt. Diese seineSchicksale müssen dann den finstern Sinn erklären und entschuldigen, derin seinen Kirchhofsgedanken (1656) und seinen geistlichen Oden (1645)herrscht, in denen er dem höheren Stile seiner Kunst Lauf läßt. Dennes begreift sich, daß einem Manne dieser Art in seiner Poesie Würdeund Erhabenheit näher lag, als die schlichte Einfalt des lutherischenGesangs, zu dem er nur kraft seines dichterischen Wandlungsvermögenseinmal mit Absicht Hinstreben konnte. Nicht aber gab der ernste Manndarum den lutherischen Sinn auf. In seinen Kirchhofgedanken könnteman meinen, einen Dichter aus jenem Geschlechte der düstern Geniali-täten des 18. Jahrhs. vor sich zu haben. Denn ihm dünkt das Schreck-liche dort anmuthig und er spricht da dieHoffnung aus, daß sich trefflicheGeister finden würden, die noch bei blühender Jugend die Welt verlachenund aus dem Kirchhof einen Parnaß machen würden! Allein daneben