368 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
Dichtungen erkennen wir diesen Zug eigentlich nur in den Satiren, wo da-gegen gefochten wird. Mehr als in allem Andern findet Moscherosch denRuin der Zeit darin, daß Reputation über Gewissen geht; keine vonallen französischen Moden verflucht er mehr, als diese „hundsföttischeReputation", und die blutgierigen Zweikämpse gegen die schon Erasmusgeeifert hatte und ein Mann wie Schupp ueber Moscherosch eiferte. Wodieser auf das Treiben des Adels, seinen Rcngstolz, seinen Druck aufLeibeigne und Untergebne, seine Gotteslästerung und Prahlerei zu redenkommt, da ist der wiederholte Vorwurs: Rarb und Reputation sei desAdels Ehrenkrone. Wo er die Studenten, ihre Nachtseenen und Gelageschildert, da scheint ihm vorzüglich merkwürdig, daß sie um eines GlasesWeins willen einander schlagen, „als ob Ehre und Reputation dabeiinteressirt wäre." In dem Pflaster wider das Vodagra, das uns wie dasTurnier unter den ächten Visionen Moschecoich's sonst weniger wichtigist, läßt er seinen oxperlus liobeetus ausrufen: Was sollt ihr Schuh-flicker euch des losen Fürworts der kahlen Entschuldigungsreputationgebrauchen? Ist es nicht genug, daß Fürster und Herrn dieser elendenVanität bis zur Verdammniß gebrauchen? Ist es nicht genug, daß beiden meisten Ständen des Reichs alle Verhinderung des Friedens einzigund allein von eines jeden Privatinteresse und Reputation herrührt,und daß keiner dem anderen in etwas nachgeben will, auch nicht inTituln und Wortstreiten, damit er ja die Reputation davon trage?Hätten nicht die bedrängten Deutschen lange den Frieden haben können,wenn nicht die lose Reputation der Fürsten gehindert hätte? Ist es nichtgenug, daß die Reputation Fürsten und Herren also eingenommen, mußes auch mit Euch dahin kommen, daß ihr darüber halten wollt, als übereure Seligkeit selbst, Reputation, die nicht nur in innerlichem und inWorten besteht, sondern noch muß herausbrechen und zum Schlagenkommen? also daß wenn ein lausiger Lotterhoß den andern lügen heißt,ob sie zwar die besten Freunde und Brüder gewesen, hernach doch plötzlichsich die Rappiere ins Herz stoßen und die Hände mit Blut besudeln zurErhaltung der Reputation? — Diese Rede, in der Moscherosch die Haupt-plage der Zeit, den Krieg, sogar aus Rechnung der Reputation setzt, istein Ausfall gegen einen Schuster, der vorher seine Reputation mit demgrößten Nachdruck vertheidigt hatte. „Was hat ein ehrlicher Mann, sagter, sonst, als seine Reputation! sie ist der größte Schatz, die ein Menschhaben kann; Reputation verloren Alles verloren! Ich halte mehr aufdie Reputation als auf alle a la moäe Hüte die in Frankreich sind. Mansage mir nichts von westphälischen Schinken und schwarzwälder Käse,