372
Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
kommt herab, der Vagabund empor; der Landstreicher spielt den Cavallero,der Cavallero ist ein Landstreicher; der eine hilft sich mit seiner Geschick-lichkeit über den Lump weg, der andre bietet die seine auf, den Lump unddie Lumpen zu verbergen; auf einerlei Art fristen Beide ihr Dasein. DieHelden dieser Romane sind, ganz im Gegensatze zu den irrenden Heldender Rittcrromane, in die trockenste Wirklichkeit des Lebens gesetzt; siegehen in die Schule der Noth und bittren Erfahrung und werden nichtwie jene Ritter ihrer Tugend wegen vom günstigen Glücke getragen,sondern von ihrer eigenen Schelmerei noch am ehesten, wohl gar demGlück zum Trotze, gefördert. Aus dem Erhabnen und Wunderbaren inden Ritterromanen ist Pier Alles in das Gemeinste und Kleinste herab-gerückt. Die Vorbilder zu diesen Schelmen haben wir am frühesten inDeutschland gefunden in jenem Pfaffen Amis und dein was sich ihm inLeben oder Literatur anschloß. Unter den Geschichten dieser Art ward dievon Peter Leu noch 1613 wieder gedruckt; und um dieselbe Zeit erhieltenwir aus der Fremde eine ganze Reihe einschlägiger Werke übersetzt, diedem Simplirissimus vorarbeiteten, und es ist seltsam und wohl mehr alsZufall, daß, wie dieser von einem katholischen Verfasser herrührt, soauch die meisten jener Uebersetzungen von Katholiken beschafft sind. Daseinzige Werk dieses Schlages, das wir aus dem Alterthum haben, über-setzte ein Sekretair der Bischöfe von Würzburg, Joh. Sieder: Sehrliebliches Gedicht rc. Lucii Apuleji. (Franks. 1605). Jener Albertinus inMünchen übertrug (1615) einen der spanischen Schelmenromane vonAleman, den Landstörtzer Gusman von Alfarache, die Geschichte einesjener Angehörigen der Piearischen oder „schwarackischen" Zunft, der sichunter Dieben, Eseltreibern und Wirthen umtreibt, Küchenjunge, Soldat,Bettler, Edelknabe, Hofmeister, Schreiber und Edelmann wird. DieSeitenstückc dazu sind die Justina von Fr. de Ubeda, die aus der italie-nischen Uebertragung von Barezzi in den 20er Jahren (die LandstürtzerinJustina Dietzin; Franks.) übersetzt ward, und Mendoza's Lazarillo deTormes, den (Augsb. 1617) Nicol. Ulenhart übersetzte, indem er zugleichdie Historien von Jsaac Winkelfelder und Jobst von der Schneid hinzu-fügte: eine rohe Gaunererzählung von zwei deutschen Picaros oderHandwerkerlumpen, die mehr einer Polizeigeschichte als einer dichterischenErfindung ähnlich sieht. Im Jahre 1621 (Köthen) erhielten wir fernersogar schon eine Uebersetzung des Don Quwote (Don Kichote de laMantzscha, das ist Juncker Harnisch auß Fleckenland, durch Pahsch Bastelnvon der Sohle); durch Abkürzung und Weglassung aller Novellen undGedichte, wie durch die Rohheit der Uebertragung hat auch dies Werk