Band 
Dritter Band.
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436 Eintritt des Kunstcharakters der »eueren Zeit.

Gryphius, das er nicht erreichen kann, ersetzt mit einem fortwährendenGebelle, mit endlosem Fluchen und Schimpfreden: „jedweder Ausspruchklingt nach Lästern, Fluch und Dräuen." Im 2. Akte wird Epicharisverrathen und verhaftet. Im dritten wird die verrathene Verschwörungverfolgt, einer um den anderen wird gefoltert und bekennt neue Theil-haber, nur Epicharis hält lachend die Marter aus. Der 4. Akt ist lauterErekution: einer wird geköpft, einem die Zunge ausgerissen, zwei zer-schneiden sich die Adern, die Atilla wird nackt bis zur Ohnmacht ge-peitscht. Im 5. Akte trinkt Seneea Gift; andere werden enthauptet,Epicharis wird wechselnd bis zur Ohnmacht gefoltert und wieder erfrischt,bis sie sich jubelnd und trotzend erwürgt. Dies Stück ist wie eine Mörder-grube und Richtplatz; über den Todten trinmphirt die siegende Bosheitund Blutgier. Wir sind wieder bei dem rohesten Geschmacke in Ayrer'sZeit, die den Titus Andronieus liebte, einen Stoff, der auch wiederhervorgesucht und (1661) von einem Hieran. Thomä aus Augsburg(als Titus und Tomyris) anspruchsvoller behandelt ward. Aehnliche,wenn auch nicht so arge Greuel entstellen auch Lohenstein's IbrahimSultan (1679), der zur Verherrlichung „der keuschen Vermählung KaiserLeopold's" geschrieben ist. ES ist aber doch gewiß eine sonderbare Artein Kompliment zu machen, in einem zu solchem Zwecke verfertigtenStücke die Unzucht und Barbarei des türkischen Hofes darzustellen! Manmuß sich die Greuel des 30jährigen Kriegs und die Türkenzeiten immerim Gedächtniß halten, wenn man begreifen soll, wie selbst in den gebilde-ten Ständen damals diese Greuel Beifall finden konnten, unter einemGeschlechte, das sonst so manche fromme Empfindung blicken läßt. Manhat vor diesen Stoffen schon einen solchen sittlichen Abscheu, daß derkünstlerische kaum zur Rede kommt. Man muthet diesen Dichtern garnicht an, daß sie wissen sollen, die Kunst sei für das Schöne, nicht fürdas Scheußliche da, und in dem Trauerspiele namentlich, dem es Be-dürfniß ist, starke Leidenschaften und furchtbare Thaten zu wählen, habenauch so viele weit größere Männer gern das Schreckliche und Entsetzlichegebraucht. Darüber aber darf man sich wundern, daß diese gegen denPöbel so empfindlichen Poeten nicht merkten, wie ganz sie sich hier demPöbel wieder gesellten. Der Geschmack Ayrer's ist hier gleichsam wieder-geboren und hat nur eine Maske von Gelehrsamkeit und pomphaftenVersen vor. Man kann nichts sonderbareres fast denken, als Ayrer'sStoff unter Marinischer Form. Und doch vereint sich beides, wennman's recht nimmt, in Lohenstein, der nichts von antiker Bildung inseinem Drama, sondern nur archäologische Gelehrsamkeit in seinen