454 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
Lyriker am besten aus seinen „überflüssigen Gedanken der grünendenJugend (1668)", erotischen Gedichten, in denen er als ein gesteigerterSchoch oder Grefflinger erscheint, die er aber später gern unterdrückthätte, und da dies nicht anging, mit „reifen und nothwendigen Gedankenlegitimirte". In seinen Romanen hat er mehr empfindsame Lieder einge-schaltet, die theilweise von so glücklichem Sprachflnsse sind, daß maneinzelne derselben wie „die Rose blüht, ich bin die fromme Biene" nochjetzt wohl singen hört. Hier und in einem kleinen Gesprächweck istdie bewußte Absicht bei ihm, die Lieder durch die Gelegenheit, bei der sieentstehen, deutlicher und lebenvoller zu machen, wie er ihnen auch musi-kalischen Klang durch die Berechnung auf bestimmte Melodien gegebenhat; „sie verlieren, sagte er, ihr halbes Leben, wenn sie den rechten Tonverlieren". In den überflüssigen Gedanken ist das empfindsame Lied zu-rückgedrängt ; hier besingt er mehr die derbe und bäurische Liebe als dieschäfcrische. Das Volkslied klingt mannichsach herein, oder der Hand-werköburschenton, der auch in seinen Lustspielen wohl auffällt. Es wardaher gleich natürlich, daß seine Lieder, so wie die von Schoch undSchwicger, in die Schenken herabkamen und von „allen Sackpseifern undDorffiedlern zerlästert und gemein gemacht wurden", wie er sich gleichSchoch gelegentlich beklagte. Er führt uns zu den Capriolensprüngenbäurischer Tänzer, unter Hausknechte und schnippische Jungemägde, derenSchilderung ihm nachher Henrici abgesehen hat. Ein heiterer, neckischer,selbst übermüthiger Ton färbt diese Lieder, die auch wohl recht handgreif-liche Zärtlichkeiten besingen. Ueberall sind sie wie Kehrgemälde gegen diegewöhnlichen Liebeslieder der Zeit, gegen das reisröckige Schäfercostüm;ein Mädchen schildert etwa ihren Liebsten als einen Lümmel; der Küsterzu Plumpe beschreibt seinen künftigen Ehestand mit solchen Farben, daßes für Auge und Ohr etwas empfindlich wird, und er dünkt sich dabeiwie ein Rattenfänger die Weibchen ans' Schnürchen zu haschen; demDichter hat seine Rosilis einmal gesagt, daß er fromm sei wenn er schlafe,und da wünscht er sich einmal bei ihr fromm zu sein. Wo das Lied reinvon Schmutz ist, da ist es oft wohlgefällig durch das Schlichte undNatürliche; wie schön ist es, wenn er sich z. B. über die Liebessprachemit Er und Sie beschwert; die Liebe sei ein Kind, und so müsse manauch der süßen Freundlichkeit Kindernamen geben. Leider betrachtete erdie Dichtkunst blos als Nebenwerk und gab auch seine theoretischen
264) Eine andere Gattung von den überflüssigen Gedanken, in etlichen GesprächenVorgestellet von D. C. Leipzig 1673.)