456 Eintritt des Kunstcharakters der neueren Zeit.
stehend; der Horazischen Vorschrift ne Isdula sit guinto pi-oäuollor aotuachtete er nicht, denn ihm schien eS, der Fuß dürfe nicht nach dem Schuh,sondern der Schuh müsse nach dem Fuß gezwungen werden; so verwarfer auch die antike Beschränkung auf wenige Personen, und dies nochmehr aus Noth als aus Grundsatz. Er war sich übrigens bewußt, dievielen Personen durch scharfe Charakteristik auseinander halten zu kön-nen; denn er hat wirklich von Charakteren einen Begriff und geht weitglücklicher als die Tragiker darauf aus, „jede Person nach ihrem Naturellreden zu lassen." Weise's Studium war das gemeine Leben, nicht dasBuch; er gibt selbst an, daß er oft Unterredungen von Wäscherinnen,Wirthinnen, Köchinnen und Holzschlägern belauscht und aufgeschriebenhabe. Wäre er ein unabhängig der Muse lebender Mann gewesen, sowäre Weise's Schauspiel ganz Volksschauspiel geworden. So wie es ist,ist es nur der letzte, der umfassendste und beste Vertreter unserer Schul-komödie. Diese Gattung war durch das ganze 17. Jahrh, noch in viel-facher Uebung; in Schlesien wurden Lohenstein's Stücke von Schülerngegeben; in Sachsen und Thüringen dauerten die Schulaufführungenfort; die Dichtungen aber scheuten jetzt, scheint es, die öffentliche Ver-gleichung mit den höher gestiegenen Leistungen der freieren dramatischenKunst. So hatte der Rector Joh. Seb. Mitternacht in Gera von den40er bis in die 60er Jahre eine Menge Schulstücke geschrieben, deren erin der Vorrede zu seinem „unglückseligen Soldaten" (1662) sechzehnnamentlich anführt; die bekannt gewordenen sind aber so elend, daß manvollkommen begreift, warum man denDruck der anderen nicht nachsuchte.Auch Weise hat die meisten seiner Stücke, wie groß die Zahl der gedruck-ten ist, der Oeffentlichkeit vorenthalten. Er hatte, so lange er Professorder Poesie in Weißensels war, das Komödienschreiben so gut wie gar-nicht betrieben; als er Rector in Zittau ward, fand er dort die fast100jährige Gewohnheit vor, daß alle Jahre zur Fastenzeit von denSchülern drei Stücke aufgeführt wurden, am ersten Tage ein geistlicherStoff aus der Bibel, am zweiten eine politische Begebenheit aus derGeschichte und am dritten eine freie Erfindung nebst einem burleskenNachspiele. Dieser Sitte fügte er sich als ein Mann von Gewissenhaftig-keit, von Welt und von unleugbarem Talente. In der Vorrede zu dem,(Lust und Nutz der spielenden Jugend" (1690) führt er die Stücke an,die er von 1679—89 aufgeführt hatte, jährlich eine Trilogie größererStücke mit einem lustigen Satirspiel zum Schluß; und er setzte dies,scheint es, fort bis an seine Ende; demnach dürste sich die Gesammtzahlder Stücke, die er geschrieben hatte, wohl aus 100 belaufen. Fremde