Drama. Höhepunkt der schlestschen Poesie.
457
Stücke aufzuführen, muß ihm unter seiner Amtswürde erschienen sein. Erverfaßte daher jährlich die sämmtlichen Stücke aus eigner Erfindung unddiktirte sie seinem Amanuensis; sie flössen ihm aus dem Munde, daßsein Schreiber eine geschwinde Feder führen mußte; er hatte die Gabe derpoetischen Rede von früh auf geübt; schon im 9. Jahre hatte er Versegemacht. Diese aus einer ehrgeizigen Amtsgewissenhaftigkeit selbstauf-erlegte Pflicht aber, jedes Jahr eine Tetralogie selbstgefertigter Stückezu geben, mußte schon unter der Masse des zu Schaffenden den Ehrgeizund die Gewissenhaftigkeit des Dichters nothwendig ersticken, undWeise hatte diesen Ehrgeiz nach seiner ganzen Denkweise ohnehin nicht.Die strenge Berechnung auf den Schulzweck hat seine Schauspiele sämmt-lich künstlerisch werthlos machen müssen; er wußte das selbst, beruhigtesich aber dabei wie bei einer Nothwendigkeit: salus suventutis, sagte ersich bei diesem Geschäfte, praeoipuu lex esro. Die Schüler sollten sichdurch diese Spiele zu einer „anständigen Hardiesse" bequemen lernen;auf diese Uebung mußte daher jeder einzelne den gleichen Anspruch haben;darum gab Weise seinen Stücken so viele Rollen (bis über 100) als erSchüler zu beschäftigen hatte; er flocht Personen, Handlungen, Ränke,lustige Händel in die Stücke ein, die dem Kunstzweck zufolge hätten weg-bleiben müssen, „wenn man die Personen nach dem Spiel und nicht dasSpiel nach den Personen hätte richten dürfen". Sein größtes Kunststücknannte er daher „die Kunst zu verbergen und seine Gebäude gleichsamauf irregulärem Platze aufzuführen". Unglücklicherweise waren die zärt-lichen Eltern in Zittau unermüdlich, ihre Kinder spielen zu sehen; sieerwarteten fünf Stunden Unterhaltung von jedem Stück, ließen sichaber auch acht Stunden gefallen; und der gefällige Rector sorgte fürachtstündige Stücke. Weise selbst begriff daher, daß man seine Schau-spiele nicht so gern lesen als sehen wollte. Und er selbst lief davon, wenner sie von Anderen als seinen Knaben geben sah. Denn diese zu einergewissen Natürlichkeit und Gewandtheit im Spiele zu bringen, zu einer„freimüthigen Gelassenheit wie man sie im gemeinen Leben gewohnt ist",muß ihm gelungen sein. Er hatte dafür so seinen Sinn, daß er denMaßstab des Spiels nicht in den Kunsttragödien suchte, sondern in denPossenspielen, wo schon das Ertemporiren die Schauspieler nöthigte, dengewöhnlichenTonderUnterhaltung beizubehalten; ja selbst imPossenspielebeobachtete er noch, wieviel vorzüglicher die niederdeutschen gegeben wur-den, weil die Niedersachen bei ihrer familiären Aussprache blieben, wäh-rend die Hochdeutschen ihre Rede oft gar sehr nach dem Postillenvortcagdes Pastors schulten. Es kam dann hinzu, daß Weise jedeRolle in seinen