Vorwort.
VII
hatte. Wir wollten die Sache der Freiheit und des Fortschritts mit all demDoctrinairismus und der weitschichtigen Dialektik vertheidigen, die uns dieRechtlosigkeit der Presse, die Sophistik der Reactionaire und die scheinbareUnreife der großen Masse auferlegten. Allein die meisten dieser Streitfragenerhielten nun sactisch ihre Lösung, und die Principien, um die wir streitenwollten, wurden sogar als die leitenden Grundsätze der künftigen Ordnung pro-clamirt, und mußten darum in unserm Plane eine andere Stellung und eineandere Behandlung erhalten. Auch sanken die Ereignisse und Persönlichkeiten,die vormals im Vordergründe standen, nothwendig in ihrer Bedeutung undkonnten nur noch im Zusammenhange des Ganzen und als die Zeichen undVorläufer der Bewegung belehren und interessiren.
Dazu kam unsere eigene Aufregung und Hingabe an die Ereignisse, sowiebei den Mitarbeitern die Unmöglichkeit, in dem Sturze der Begebenheiten sichder ruhigen Betrachtung zu widmen. Viele unserer Mitarbeiter, welche zumTheil dem Kreise jener vormals unbeliebten Männer angehören, die den Puls-schlägen der Zeit mit besonderer Aufmerksamkeit lauschten, suchten das Studir-zimmer mit der Tribüne oder wol gar die Feder mit dem Degen zu vertau-schen. Unter solchen Verhältnissen sahen wir uns genöthigt, mit der Ausführungdes Unternehmens für den Augenblick wenigstens zu zögern. Der gestellten Ausgabegemäß mußten wir uns schon hüten, dem Werke durch ein unzeitiges Auffassender Ereignisse den Charakter eines Tagesblattes auszudrücken, das den Inhaltder Zeitgeschichte nur fragmentarisch und unter dem flüchtigen Eindrucke des Au-genblicks geben kann. Außerdem mußten wir Zeit gewinnen, um die Stoffeaufs neue zu gliedern, und um nur einigermaßen eine Perspective für die Dar-stellung der jüngsten Geschichte zu erhalten. Endlich aber konnte uns nicht ent-gehen, wie wenig das Publicum in den Wirren des Augenblicks Muße habenwürde, sich dem Genusse wissenschaftlicher und künstlerischer Resultate, sowiedem Studium und der Betrachtung der Zeitverhältnisse hinzugeben.
Sind jetzt alle die Bedenklichkeiten gehoben, die uns vor einigen Monatenabhielten, unser Unternehmen der Öffentlichkeit zu übergeben? Niemand wolwird diese Frage bejahen. Wir vertrauen dem Geiste, der das Alte in denStaub stürzt und sich durch die Trümmer den Weg zur neuen Lebensordnungbahnt; aber die Arbeit ist noch nicht vollbracht, und Wer kann wissen, obsie nicht unter wiederholten Stürmen und gewaltigen Katastrophen vollbrachtwerden muß, die das Gemüth und den Sinn aufs neue und mehr als je ver-wirren! Indessen erblicken wir jetzt die Richtung der Fäden, an welchen hinsich die elektrischen Strömungen der Zeit bewegen, und haben damit gewisser-maßen wol einen Standpunkt gewonnen. Wir haben uns zugleich mit gedie-