13
Die französische Revolution vom Februar 1848.
neugierig zum Präsidenten hinauf, bat um Mittheilung deS eingereichten Antrags,las ihn rasch durch und brach in ein Helles Gelächter aus. Die andern Ministergingen ebenfalls der Reihe nach hin und nahmen Einsicht von dem Inhalt des ge-heimnißvollen Papiers. Unterdessen ging die Tagsverhandlung im Lärm der Zwie-gespräche fort. Als der Präsident Sauzct glaubte, die Sitzung habe lange genug ge-dauert, erklärte er sie für geschlossen, und wollte sich aus dem Staube machen, wie eres gewöhnlich that, wenn er in Verlegenheit war. Da stand Odilon-Barrot auf undbeschwerte sich, daß mit keiner Sylbe des von ihm eingereichten Antrags gedachtworden. Der Präsident erwiderte: die Kammerstatuten verböten ihm, Anträge zuverlesen, die von den Bureaux nicht vorher geprüft worden; der Odilon-Barrot'ssolle Donnerstag den Bureaux überwiesen werden, die.bestimmen würden,' ob es zu-lässig sei oder nicht, denselben vor die Kammer zu bringen. Dieser Ancrag warder von der Opposition der dynastischen Linken angekündigte „große Act der Charakter-festigkeit und Gerechtigkeit", nämlich ein Anklageact gegen das Ministerium, welchesdarin beschuldigt ward: „ die Interessen Frankreichs auswärts verrathen, die Princi-pien der Verfassung verfälscht, mit öffentlichen Ämtern gefeilscht, die Staatsfinanzenzerrüttet und die Rechte der Bürger angetastet zu haben." Ächtzig Deputirte hattenden Antrag mit unterschrieben. Wenn man aber bedenkt, daß die Opposition vonden durch und durch ministeriellen Bureaux nicht einmal die Erlaubniß der öffent-lichen Verlesung des Antrags zu hoffen hatte, so meint man eine Freischar zu sehen,die ohne Waffen in den Krieg zieht und auf gute Flinten- und Kanonenkugeln,womit der Feind schießt, mit Seifenblasen oder Schneebällen antwortet. Die Sitzungder Kammer endete um Uhr in lebhafter Unruhe.
Gegen 5 Uhr wurden die Gitterthore des Tuileriengartcns, die bis dahin offengeblieben waren, zugeschlossen. Von eben dieser Zeit an wurde auch der Durchgangdurch den Schloßhof und über den Carouffelplatz untersagt, und dieser Platz sowiedie ganze Umgegend mit Fußvolk, Dragonern und Chaffeurs besetzt. Ein großerTheil der Truppen war aus den Casernen ausgerückt und piquets-, Pelotons- undcompagnienweise auf den Quais, auf den Plätzen und auf den Kreuzwegen ver-theilt. Am Eingänge aller Straßen, die zu den Märkten hinführen, standen Schild-wachen. Patrouillen zu Fuß und zu Pferde setzten sich nach allen Richtungen hinlangsam in Bewegung, foderten die noch übrigen Gruppen mit gütlichen Worten aufauseinander zu gehen, ohne jedoch die geringste Gewalt, selbst nur durch rauhe Redenanzuwenden, und zogen so die Straßen auf und ab, bis sie etwas lichter gewordenwaren. Die Truppen, offenbar betrübt und verstimmt über die Polizeidienerrolle,welche ihnen das Ministerium aufzwang, beobachteten überall dieselbe Mäßigung, die-selbe Rücksicht bei der Ausübung ihrer widerwärtigen Amtspflicht. An einigen Stellenäußerten die Soldaten sogar brüderliche Gesinnungen durch die verstohlenen Hände-drücke, die sie mit Einzelnen aus dem Volke wechselten.
Ein nicht ortskundiger Fremde hätte sich einbilden können, nun sei Alles vorbeiund werde keine weitere Störung der öffentlichen Ruhe mehr eintreten. Denn miteinbrechender Dämmerung, wo, so oft Emeriten sind, der Tumult wächst, stellte sichmerkwürdigerweise die Ordnung auf allen Punkten wieder her, welche am Tageder Schauplatz stürmischer Volksauftritte gewesen. Dieser Theil der Stadt gewährteum 7 Uhr Abends den Anblick, den er gewöhnlich um Mitternacht darbietet:alle Läden waren geschloffen, mit Ausnahme der Kaffeehäuser, der Restaurationenund Weinwirthschasten. Nur ab und zu hörte man das Rollen eines Wagens, undtraf man einige seltene Fußgänger. Hier und da sah man jedoch einige Gruppen,z. B. an den Ecken der Plätze, wo Truppen standen. Während aber die Bewe-gung aus den breiten rmd offenen Straßen des Westquartiers sich zusehens verlief,nahm sie dagegen immer zu in dem Stadttheile, der sich östlich an das Centrum^schließt und wegen seiner engen und kurzen Gassen mit klugem militairischemBlick von Seiten des Volks gewöhnlich zum Tummelplatz eines Aufstandcs erkorenwird. Von 7 Uhr Abends an sammelten sich hier mehr oder minder zahlreiche