Die preußischen Ostprovinzen und ihre Weltstellung. 115
nung der östlichen Bahnen, sind nur dadurch zu erreichen, daß Deutschland seineKräfte und Mittel für diese Zwecke nach innen und außen zusammennimmt, daßkein Glied, welches mit Deutschland verbunden ist, seine augenblicklichen Sonderin-teressen in die Wagschale wirst und seinen, vereinzelten Weg gehen will.
Was wir daher auch immer wollen das geschehe, als Grundbedingung werdenwir das ungeschwachte Bestehen des Zollvereins, d. h. die handelspolitische EinheitDeutschlands voranstellen müssen. Und unter diesen Verhältnissen sollten die so wü-thigen, so vaterländisch gesinnten Ostpreußen aus Ansichten beharren, die an ihremLandtage von 1845 vorwalteten, und die im geraden Widersprüche stehen mit demallgemeinen deutschen Anliegen? Unter diesen Verhältnissen, bei dieser Sachlage der Dingedürfte man Preußen zu Maßregeln drängen wollen, die alles Vertrauen der deut-schen Vereinsstaaten zu ihm erschüttern,, müßten? Man dürste es von einer Politikabhalten wollen, welche die öffentliche Überzeugung im größten Theile Deutschlands,welche die Stände von Baiern, Würtemberg, Baden, den beiden Hessen, Sachseneinmüthig und immer dringender verlangt haben? Man dürfte auch nur wünschen,Preußen möchte sich einer Bewegung entgegensetzen, die allgemein geworden ist, weilihr ein tiefes unabweisbares Bedürfniß unserer Nation zu Grunde liegt, der sich be-reits auch die übrigen Provinzialstände Preußens angeschlossen haben? Wol magder Ackerbau Ost- und Westpreußens hoch angeschlagen werden; allein zwischen die-sem und dem allgemeinen Interesse Deutschlands kann kein wahrer Widerspruch be-stehen. Das Beispiel Englands thut die befruchtende Wirksamkeit einer blühendenIndustrie aus die Landwirthschast am schlagendsten dar, ja sogar in Bezug auf diepreußische Landwirthschast selbst, deren bisheriges Gedeihen nur durch die Blüte eng-lischen Handels und englischer Fabriken möglich war. Eine Stimme aus Königs-berg selbst bestätigt diese Ansichten und spricht sich über die den Ostprovinzen from-mende Handelspolitik in folgender Weise aus: „Unsere Provinz ist wesentlich einAckerbauland. Aber dies Land ist noch lange nicht gezwungen, dem Bebauer Alleszu gewähren, was es zu gewähren vermag. Fehlt es dazu etwa an Händen? Kei-neswegs, die Provinz zählt etwa 2/r Millionen Einwohner, und nirgend möchte soviel Arbeitslosigkeit in Deutschland gefunden werden als in ihr. Woran fehlt esdenn? An den Capitalien, an dem Speculationsgeist, der Rührigkeit der Bevölke-rung, welche nur ein blühender Handel und eine blühende Industrie hervorrufen undthätig machen kann. Man kann den Transithandel mit den ersten Producten Po-lens und Lithauens fast ganz aus dem Spiele lassen, er bewegt sich seit unvordenk-licher Zeit in demselben Gleise, und nur zwei Handelsplätze, Memel und Danzig,haben im Grunde mit ihm zu schaffen. Unsern Eigenhandel begründen die Produtteunsers Landes: Weizen, Holz, Leder und Wolle. Unser Holz geht unverarbeitet inferne Länder und kommt in Gestalt fremder Schiffe unter fremder Flagge besuchs-weise in unsere Häfen zurück. Was soll sich darin ändern? Eine Politik, welchedie Waffe der Differentialzölle gehörig gebrauchte, würde hierin allerdings gar Vielesändern. Aber unsere begünstigten Handelsstädte haben kein Interesse daran; sie ha-ben Furcht vor momentanen Verlusten; den Augenblick allein im Sinne, toben undschreien sie für den freien Handel, ohne zu bedenken, daß wir nur durch eine Pe-riode mannichfacher Zollkämpfe, welche mit Verlusten Einzelner allerdings angefülltsein würde, dahin gelangen könnten, den Weg der Freihandelspolitik mit wahrhaftemVortheil einschlagen zu dürfen."
Die altern und neuern Handels-, Schiffahrts- und Wohlfahrtsverhättnisse der preußischen
Ostprovinzen.
^ Wenn indessen der im ganzen Osten Preußens, Schlesien eingerechnet, seitT^hrcn herrschende und zunehmende Druck der Gewerbe sicherlich seinen Hauptgrundm der Politik Rußlands hat, so muß man doch darüber nicht vergessen, was hier-bei aus andern, von dieser Sperre unabhängigen Verhältnissen beruht. Die Leb-
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